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Freiland : ein soziales Zukunftsbild
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einmal unsere beiderseitigen Väter. Der meinige ist unstreitig derreichere, und doch, welch' tiefe Furchen hat die Sorge in seine Stirngegraben, welch' herben Zug schmerzlicher Reflexion um seine Mund-winkel; und welch' froher Glanz ewiger Jugend leuchtet aus jedemZuge Deines Vaters. Ich möchte beinahe vermuten, daß die Luft,die man in diesem Lande atmet, sehr wesentlich mit im Spiele ist;denn die Falten und Furchen in Vaters Zügen, von denen ich soebensprach, haben sich schon in den zwei Wochen unseres Aufenthaltes hiermerklich geglättet, und ich selber fühle mich heiterer, glücklicher alsje zuvor."

,,Du hast," entgegnete mir David, „das Wichtigste vergessen, denEinfluß des Gesamtgefühls auf das Gefühl des Einzelnen. Der Menschist ein geselliges Wesen, das seine Gedanken und Empfindungen nurzum Theil dem eigenen Kopfe und dem eigenen Herzen entnimmt, wäh-rend ein anderer, nicht minder wichtiger Teil, ich möchte sagen dieGrundstimmung, die den Geistes- und Gemütsregungen des EinzelnenFarbe und Inhalt verleiht, in der jeweilig existierenden Gesamtgesell-schaft ihren Ursprung hat. Jeder Einzelne steht mit seinen Mitlebendennicht bloß äußerlich, sondern ebenso auch innerlich in unlöslicher Be-rührung; er glaubt zu denken, zu fühlen und zu handeln, bloß wieseine Individualität es erheischt, fühlt, denkt und handelt aber derHauptsache nach unter dem unentrinnbaren Banne einer alle Köpfe, Herzenund Handlungen umschlingenden Zeitströmung. Der aufgeklärte, hu-mane Freidenker der Gegenwart hätte — wäre er drei Jahrhundertefrüher geboren worden, um der kleinlichsten, ihm heute lächerlich erschei-nenden Glaubensdifferenzen willen Andersdenkende mit demselben grim-migen Hasse verfolgt, wie dazumal alle Anderen es thaten; undhätte er noch um einige Jahrhunderte früher, etwa unter den heidnischenSachsen zur Zeit Karls des Großen das Sonnenlicht gesehen, so wärenihm Menschenopfer so wenig ein Greuel gewesen, als den anderen Ver-ehrern der Göttin Hertha. Derselbe Mann aber, welcher als heidni-scher Sachse in den Wäldern der Weser und Elbe ausgewachsen, Ruhmund Preis darin gefunden hätte, das Blut geschlachteter Gefangenervom Herthastein gen Himmel dampfen zu lassen, wäre dazumal schonvon unüberwindlichem Grauen vor solchem Thun geschüttelt worden,wenn ihm — begabt mit genau den nämlichen individuellen Anlagen— der Zufall im kaiserlichen Byzanz, statt unter germanischen Barbarenhätte geboren werden lassen; hier dagegen hätte er unbedenklich Lug undVerrat geübt, während er — im übrigen vom Wirbel bis zur Zehederselbe Mann — umgeben von den trotzigen Germanenhelden, solchweichlicher Laster ganz und gar unfähig geblieben wäre. Da dem aberso ist, da die Tugenden und Laster, die Gedanken und Gefühle jenerunserer Zeitgenossen, in deren Mitte wir geboren und erzogen worden,