führen. Hier leuchtete uns sofort, wenn auch noch reichlich 2 Kilometerentfernt, ein Riesenbau entgegen, der selbst den dieses Anblicks Gewohntenstets aufs neue mit staunender Bewunderung erfüllen muß. Er istebenso unerreicht an Größe, wie unvergleichlich an Ebenmaß und har-monischer Vollendung all seiner Bestandteile. Er macht gleichzeitig denEindruck des überwältigend Majestätischen und des märchenhaft Lieb-lichen. Dieses vor 5 Jahren vollendete Wunderwerk ist der Volkspalastvon Freiland, der Sitz der zwölf obersten Verwaltungsbehörden undder zwölf Vertretungskörper. Er ist durchwegs aus weißem und gelbemMarmor gebaut, übertrifft an Flächenausdehnung den Vatikan, seineluftigen Kuppeln sind höher als der Petersdom; daß er mit einemKostenaufwande von 9 ' ,/g Millionen Pfd. Sterling hergestellt werdenkonnte, erklärt sich bloß dadurch, daß alle Baugewerke wie nicht minderdie hervorragendsten Künstler des Landes sich dazu drängten, bei demBaue irgendwie verwendet zu werden. Und — so belehrte mich David
— das geschah nicht etwa aus patriotischer, sondern aus rein künst-lerischer Begeisterung. Freiland ist reich genug, um sein Volkshauswie hoch immer zu bezahlen; um den Bau billiger zu gestalten, hättesich also Niemand in Aufregung versetzt; aber die aus dem Entwürfehervorleuchtende eigenartige, überwältigende Schönheit des Werkes hattees allen Künstlern angethan. Er erinnere sich noch der fieberhaftenErregung, mit der schon die Mitglieder jener Prüfungskommission, welcheüber die vorgelegten Bauentwürfe zu entscheiden hatte, allenthalben er-zählten, es sei ein Plan eingelaufeu, von einem bis dahin unbekanntenjungen Architekten, der Unsagbares biete; eine neue Ära der Baukunstsei angebrochen, ein neuer Baustil erfunden, der an Adel der Formdie besten griechischen, an Großartigkeit die gewaltigsten ägyptischenDenkmale erreiche. Und diese Begeisterung teilte sich allen mit, dieden Entwurf sahen; die Konkurrenten — es waren deren nicht wenigerals 84, denn in Freiland wurde damals schon viel und schön gebaut
— zogen ausnahmslos ihre Entwürfe zurück, und huldigten bereitwilligdem neuaufgegangenen Stern am Kunsthimmel.
Wir waren sobald nicht dazu zu bewegen, uns der Besichtigunganderer Bauwerke zuzuwenden. Endlich, nachdem wir dreimal dieRunde um den Volkspalast gemacht, willigten wir ein, demselben denRücken zu kehren. Mit der Aufzählung der zahllosen Prachtbauten, andenen wir flüchtig vorbeirollten, will ich Dich verschonen; nur soviellasse Dir sagen, daß die Mannigfaltigkeit und Großartigkeit der denunterschiedlichen wissenschaftlichen und künstlerischen Zwecken dienendenöffentlichen Anstalten auf mich durchaus erdrückend wirkte. Die Aka-demien, Museen, Laboratorien, Versuchsanstalten u. dergl. wollten garkein Ende nehmen und allen sah man es auf den ersten Blick an, daßsie mit verschwenderischer Munifizenz ausgestattet seien.