Druckschrift 
Freiland : ein soziales Zukunftsbild
Entstehung
Seite
75
Einzelbild herunterladen
 

Zugleich aber hatte sie auch den Schlüssel der Situation gefunden: daßich sie liebe, daß meine Schwester uns beide getäuscht. Was weiterfolgte, läßt sich leicht erraten. So kam es, daß Ellen meine Braut war,als vr. Strahl in Edenthal anlangte - und dieses ist das dritte Er-eignis, von welchem ich vorher noch erzählen wollte.

Ob das Entzücken, mit welchem ich das Weib meiner Liebe zumersten Male ans Herz drückte, das größere gewesen, oder jenes, mitwelchem ich den Freund meiner Seele, den Abgott meines Geistes ein-führte in jenes irdische Paradies, zu welchem er uns den Weg gewiesen— das wage ich nicht zu entscheiden.

Als ich im Auge des verehrten Freundes beim Erschauen der Herr-lichkeit unserer neuen Heimat und des kräftig pulsierenden fröhlichenLebens, das sie bereis erfüllte, Thränen der Freude, in diesen aber diesichere Bürgschaft unmittelbar bevorstehenden Erfolges erblickte, da er-faßte mich zwar nicht jene überschwängliche, für die Brust, die ihr zumersten Male sich öffnet, schier unerträgliche Wonne, wie wenige Tagezuvor, als die Geliebte mir in Küssen das Geheimnis ihres Herzensoffenbarte; aber wenn einst mein Haar weiß und mein Nacken gebeugtsein wird, dürfte wohl die Erinnerung an jene bräutlichen Küsse meinBlut nicht mehr so siedendheiß durch die Adern jagen, wie heute,während der Gedanke an die Stunde, in der ich Hand in Hand mitdem Freunde die stolze und doch reine Freude empfand, den ersten,schwersten Schritt zur Erlösung unserer leidenden, enterbten Mitbrnderaus den Martern vieltansendjähriger Knechtschaft vollbracht zu haben,niemals seine beseligende Kraft einbüßen wird, so lange ich unter denLebenden wandle.

Lange, lange stand der Meister auf den Höhen von Edenthal, jedeEinzelheit des entzückenden Bildes andächtig in sich ausnehmend; dannzu uns sich wendend, die wir ihn rings umgaben, fragte er, ob wirdem Lande, das unabsehbar nach allen Seiten sich ausdehne und wel-ches unsere Heimat werden solle, schon den Namen gegeben hätten. Alsich dies verneinte, mit dem Beifügen, daß ihm, der dem GedankenWorte lieh, welcher uns hierher geführt, auch das Amt gebühre, dasWort für das Land zu finde», in welchem dieser Gedanke zuerst ver-wirklicht werden soll, da rief er: „Die Freiheit wird in diesem Landeihre Geburtsstätte finden: „Freiland" wollen wir es nennen!"