Druckschrift 
Die experimentelle Psychologie der Gegenwart in Deutschland
Entstehung
Seite
14
Einzelbild herunterladen
 

14

EINLEITUNG.

Die Untersuchung der Erscheinungen des Bewusst-seins an sich, unabhängig von den Allgemeinbegriffender Sprache, kennzeichnet die ersten Versuche der neuenPsychologie, welche fast zwei Jahrhunderte, bis zu Lockeherabgehen, der, wie auch seine Nachfolger, alle fertigenIdeen als Vorurtheile verwarf. Immer noch hinderte aberdie Verbindung der Psychologie mit der Metaphysik einenernstlichen Fortschritt. Auch treten die ersten Vertreterder neuen Psychologie zu wenig in die Thatsachen selbstein und geben der Wortanalyse und dem Raisonnementnoch viel zu sehr Raum. In England bietet uns hierfürJames Mill das beste Beispiel, und selbst Stuart Mill,dieser eminente und mit den modernen Methoden so ver-traute Logiker, erkannte zwar den Nutzen der physiologi-schen Untersuchungen an, maass ihnen aber doch zu ge-ringe Wichtigkeit bei.

Es ist überflüssig, Zeitgenossen gegenüber hervor-zuheben, dass die naturalistische Psychologie zum vollenBewusstsein ihrer selbst gelangt. Als ihr Hauptreprä-sentant kann Bain gelten, weil seine Methode, reindescriptiv und von jeder entwicklungsgeschichtlichenoder sonstigen Hypothese frei, innerhalb der Ordnungder positiven Thatsachen bleibt und alles ausschliesst,was der Kritik Anlass bieten könnte. Die Fragen werdenin einer natürlichen, concreten Form gestellt; das innereGeschehen wird niemals von seinen Bedingungen oderphysischen Wirkungen getrennt; die Physiologie dientals Führer; die Ergebnisse der Pathologie werden ver-werthet; jede Gruppe von Erscheinungen wird bis insKleinste untersucht, und die abgeleiteten Gesetze — dasder Association und die secundären — werden nur alsAusdruck constanter und allgemeiner Beziehungen ge-geben.