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2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
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Zweites Buch. Fünftes Kapitel.

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Fünftes Kapitel.

1. Welcherlei Dinge, welche Personen und inwelchen Zuständenman fürchtet, wird aus folgenden Betrachtungen erhellen.

Sagen wir also: Furcht^ ist eine gewisse Unlustempfindungoder Beunruhigung, entstanden aus der Vorstellung eines bevor-stehenden Übels, das entweder vernichtend oder doch schmerzlich inseinen Wirkungen ist. Denn nicht alles, was ein Übel ist, fürchtetder Mensch 2 , z.B. nicht, ungerecht oder geistesträge zu werdensondern nur alles dasjenige, was großes Leid oder völlige Ver-nichtung mit sich führt, und zwar wenn diese Wirkungen nicht fern,sondern als ganz in der Nähe erscheinen, so daß sie jeden Augen-blick cintreten können. Denn was sehr fern liegt, fürchtet derMensch nicht; wissen doch z. B. alle, daß sie sterben werden, alleinweil es nicht jetzt sein soll, kümmert es sie nicht.

2. Ist diese Definition der Furcht richtig, so muß notwendigalles dasjenige furchterregend sein, was von der Art ist, daßes in unseren Augen eine große Kraft hat, entweder völlig zu ver-nichten oder uns Schädigungen zuzufügen, die auf einen großenSchmerz hinauslaufen. Darum sind selbst schon die Anzeichensolcher Dinge furchterregend, weil sic unserer Vorstellung dasFurchtbare in die Nähe rücken; denn Gefahr ist nichts anderes alsdie Annäherung von etwas Furchtbarem.

3. Solcher Art Dinge sind: Feindschaft und Zorn vonLeutcn,welche im stände sind, uns etwas anzuthun; denn daßsicden Willendazu haben, ist offenbar, und folglich sind sie der Ausführung sehrnahe. 4. Ferner Ungerechtigkeit, welche Gewalt hat, denn der Wille,Übles zu thun, ist es eben, der den Ungerechten zum Ungerechteninacht. 5. Ebenso Tüchtigkeit, wenn sie sich schimpflich behandeltsieht, sobald sie Macht in Händen hat; denn den Willen hat sic

1.Vgl. Ltüie. Uicom. III, 9, wo aber der sittliche Standpunktin Rücksicht auf daö Furchterregende geltend gemacht wird." Biese.

2. Wohl zu merken: nicht der Philosoph, der Weise, der sittlich Ge-bildete, sondern der gewöhnliche Mensch, mit dem eS der Redner zu thun hat.