Die Berechtigung der Allegorie.
18 ?
Beharrungsvermögen. Die größten Revolutionen vollziehen sich,Reiche und Weltanschauungen wechseln; aber der alte Zopf ist un-sterblich. Weil von Alters her monumentale Kunstwerke mit allego-rischen Figuren geschmückt wurden, darum muß es auch fernerhin sobleiben. Darin stimmen sie Alle überein: Einzelne und Commissionen(die eben genannte Pariser natürlich ausgenommen), Akademiker undMagistrate, Generäle und Professoren: „so'n Bischen Allegorie istdoch wunderschön!"
Aber man kann mir einwerfen: „Die Auftraggeber sind doch nichtdas Publicum. Und dieses zeigt doch deutlich genug, wie es überAllegorieen denkt. Die ungebildete Menge gafft sie neugierig an, um,sobald sie erfahren, was die prächtigen Figuren vorstellen, sich gleich-gültig von ihnen ab, Dingen, die ihr verständlicher sind, zuzuwenden.Und der Gebildete ist kaum durch einen berühmten Namen dahin zubringen, daß er ihnen einen Blick der schuldigen Ehrfurcht zollt; sonstgeht er achtlos an ihnen vorüber. So Manchen, glaube ich, giebt es,der mit verbundenen Augen ein kundiger Führer durch die Bilder-schätze der Berliner Nationalgallerie sein könnte, und der doch kaumweiß, wer den Kuppelfries und die Fresken der Corneliussäle gemalthat, oder was sie zum Gegenstand haben." Das ist sehr richtig, janur allzu richtig, denn es ist eine Fülle von Schönheit, welche dieMaler wirkungslos an allegorische Darstellungen verschwenden müssen.Aber die Schuld des Publicums leugnet man damit nicht weg. Warumerhebt es denn nicht energisch und rechtzeitig seine Stimme, um zuwarnen, zu protestiren, sich die Allegorieen zu verbitten? Wie gernwürde so mancher Kunstkritiker unserer Zeitungen kräftig den Kampfgegen diese — und gegen andere verkehrte Richtungen führen, wenner wüßte, daß das Publicum hinter ihm steht, wenn das Gewicht deröffentlichen Meinung ihm Aussicht auf Erfolg eröffnete; während erjetzt mit schwerem Herzen sich bemühen muß, dem, was er mißbilligtund doch nicht ändern kann, die guten Seiten abzugewinneu.
Freilich, das eben gewählte Beispiel läßt auch noch eine andereErklärung zu. Denn auch die Corneliusschen Fresken in derGlyptothek, auch die Wand- und Deckengemälde der Sammlung derGipsabgüsse im Berliner Museum werden nur wenig beachtet, undMancher, der in der Glyptothek eifrig studirt hat, lernt jene Cor-nelia sschen Fresken erst aus den Cartons der Berliner National-