170
Das Schweben.
bei der andern? Wodurch anders, als durch verabredete Zeichen?Zn der That sind ein paar Flügel, eine Wolke auch nichts anders,als dergleichen Zeichen." Auch hiergegen läßt sich mancherlei ein-wenden. Wenn der Maler seine Sache nur versteht, so kann er unsallerhand Dinge glaubhaft machen, die eigentlich — nicht sowohl unserAuge, als — unfern gesunden Verstand beleidigen müßten. Wenn erseine Figuren von Lichtglanz umflossen in der Lust schweben läßt, socharakterisirt er sie dadurch unserer gefälligen Phantasie eben als Götter,und weil es Götter sind, beleidigt es uns nicht, sie in der Luft schwebenzu sehen. Man betrachte zum Beispiel die Götter auf Kaulbachs„Homer und die Griechen"; die Thetis auf demselben Bilde möchteich freilich nicht als gelungenes Beispiel bezeichnen. Und wenn ichnoch die Gestalten des Gottvater aus Michelangelos Schöpsungsbildernanführe, so wird man mir zugeben, daß derartige Zugeständnisse,welche die Phantasie des Beschauers dem Künstler macht, nicht wohl„verabredete Zeichen" genannt werden können. Am wenigsten scheintmir dieser Ausdruck ohne Weiteres auf Flügel und Wolken an-wendbar. Das sind sie wohl bei dem Pfuscher, welcher meint, be-liebige Figuren als schwebend oder göttlich zu charakterisiren, wenner ihnen ein paar Flügel giebt oder sie auf eine Wolke stellt; wennder Künstler sich aber an eine in unserer Seele lebendige Vorstellungvon — wirklichen oder erdichteten — Wesen wendet, die uns dieseWesen geflügelt oder in Wolken schwebend zeigt, so sind Flügel undWolken eben Bestandtheile ihres Wesens. Bei der Thetis, die GrasCaylus (s. eben diese Stelle des Laokoon) auf einer Wolke in denOlymp wandern läßt, ist diese Wolke ein verabredetes Zeichen; aufder sixtinischen Madonna ist sie es sicherlich nicht. Und ebensowenigsind es die Flügel an der Siegesgöttin der Athenagruppe im Perga-monfries und an den Engeln, welche Luinis und Mückes heiligeKatharinen, oder Plockhorsts Leichnam des Moses tragen.