124 Körper mit ihren sichtbaren Eigenschaften die Gegenstände der Malerei.
Aber freilich, die erste Voraussetzung muß zutreffen: der Malermuß seine Gestalten als das, was sie vorstelleu, charakterisiren können.Das aber bezweifelt Lessing eben in Bezug auf die griechischen Götter.„Das Schlimmste," sagt er, sei, „daß durch die malerische Aushebungdes Unterschiedes der sichtbaren und unsichtbaren Wesen zugleich alledie charakteristischen Züge verloren gehen, dnrch welche sich diesehöhere Gattung über jene geringere erhebet." (a. a. O. S. 144 s236s).Und ferner bemerkt er, in der Malerei „verschwindet vollends alles,was bei dem Dichter die Götter noch über die sterblichen Menschensetzet. Größe, Stärke, Schnelligkeit, wovon Homer noch immer einenhöher», wunderbarem Grad für seine Götter im Vorrath hat, als erseinen vorzüglichsten Helden beileget, müssen in dem Gemälde auf dasgemeine Maß der Menschheit herabsinken, und Jupiter und Agamem-non, Apollo und Achilles, Ajax und Mars werden vollkommen einerleiWesen, die weiter an nichts als an äußerlichen verabredeten Merk-malen zu kennen sind." Natürlich hat er in der Hauptsache Recht.Dies ist der Punct, wo sich in der That die Weisheit des Griechenzeigt, die wir oben (S. 4b) bezweifeln mußten. Zunächst die Weis-heit des Dichters, welcher, von wenigen aus asiatischen Einflüssenzu erklärenden Fällen (Ephesische Artemis) abgesehen, seine Götter-ideale nicht, wie die Inder, durch Multiplicirung, sondern durchPotenzirung menschlicher Organe und Eigenschaften bildet; zweitensaber die Weisheit des Künstlers, welcher von diesen Potenzirungennur die der Schönheit und der geistigen Eigenschaften, aber nicht,oder doch nur in vorsichtigster Beschränkung (zuweilen in Einzelge-stalten bis zum Übermenschlichen, nie bis zum Riesigen) die der Körper-größe st für seine Göttergestalten benutzt. Aber eben darum werdenwir Lessing seine Folgerung nicht zuzugeben brauchen. Wenn sie auchauf die größeren Körpermaße und die damit verbundenen Eigenschaftenverzichten müssen, brauchen die Götter doch in dem Gemälde nicht„auf das gemeine Maß der Menschheit" herabzusinken, sondern siekönnen sich immer noch durch ein höheres Maß von Schönheit, Würde,Anmuth, kurz durch das, was wir oben als die Lessingsche Auffassungdes Götterideals bezeichnet haben, von den Menschen des Gemäldesunterscheiden. Was aber die „äußeren verabredeten Merkmale" an-
h s. hierüber Blümner, Lcwkoon, (S. 153 ff. (584)).