116
Das Porträt.
Menschen, nicht das Ideal eines Menschen überhaupt." Ich bekenne,daß es mir hier auch wieder geht, wie bei der angeblichen Herab-setzung der Historienmalerei. Was ist denn hierin, das wir nichtbilligen könnten? Die Thatsache etwa? Aber die bestätigt ja Blüm-ner (S. sö03s) ausdrücklich, indem er sagt, daß die ältesten Athleten-bilder überhaupt keine eigentlichen Porträtstatuen waren, sondern inder Regel nur durch Stellung, Bewegung und Attribute die Kampfes-art andeuteten, in welcher der Dargestellte (?) gesiegt hatte. WirklichePorträtstatuen seien erst sehr allmählich aufgekommen, auch da habeman noch idealisirt; erst seit der Diadochenzeit sei die vollkommennaturgetreue Wiedergabe der Züge üblich geworden. Daraus zieht erdenn freilich den Schluß, „daß der Grund, den Lessiug für das Gesetzder Hellanodiken angiebt, ,der mittelmäßigen Porträts sollten nichtzu viel werden,' nicht der richtige sein kann." Und warum nicht?Weil er auf die älteste Zeit nicht paffen würde? Ja woher weißdenn Blümner, daß das Gesetz der Hellanodiken in dieser Zeit schongalt? Unsere einzige Quelle für dasfelbe ist ja doch die von ihm an-geführte Stelle des Plinius (XXXIV, 16), und die sagt ausdrücklich,daß nur die dreimaligen Sieger eine wirkliche, naturgetreue Porträt-statue (ox inomdris ipsorum siiuilituckins expr68sa, guas iconioasvoeant) erhalten hätten. Bei dem Mangel jedes andern Anhaltskönnen wir doch die Geltung eines solchen Gesetzes oder Gebrauchs(inos) nur für die Zeit aunehmen, in der die Sache in Geltungwar, das heißt, in der wirkliche Porträtstatuen üblich waren, nichtfür eine frühere. Und wenn nun gar Blümner Recht hätte darin,daß der Grund des Gesetzes nicht der Lessingsche gewesen, sondern nurder, daß „die dreimaligen Sieger durch die Weihung einer Porträt-statue mehr geehrt werden sollten, als die andern": — so wäre dochein solches Motiv geradezu undenkbar nicht nur für das Zeitalter desPindaros, nicht nur für das des Perikles, sondern überhaupt solange, als nicht verdorbene Griechen oder reiche Halbbarbaren sichselbst, sondern hellenische Städte dem Siege ihrer Mitbürger dieWeihgeschenke stifteten. Aber ich bin weit entfernt zuzugeben, daßBlümner Recht hat. Wenn er eine spätere Aeußerung Lessings (Ent-würfe zur Fortsetzung der antiqu. Briefe UXVIII, H. XIII, 2, S. 233;fB. S. 408f): „Die ikonische Statue sollte freilich die größere Ehrefein", für seine Ansicht in Anspruch nimmt und die daran geknüpften