Lessings Begriff des Ideals.
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Was uns jetzt an den Konsequenzen theils seines Geschmackes, theilsdes überkommenen Standpunktes, wie er sie in vorläufigen gele-gentlichen Notizen angedentet hat, nicht gefallen will, das würde ersicher, wenn er auch in diesem Puncte zu einem ihm eigenen Stand-punkte vorgeschritten wäre, wesentlich modificirt haben. Denn wennvon irgend einem Menschen, so gilt von Lessing das „cloaouäo ämeoro."Oder möchte Jemand behaupten, Lessing sei, als er die Fragmenteseines Unbekannten herauszugeben beschloß, bereits im Besitze derGedanken gewesen, welche er in der Erziehung des Menschengeschlechtsentwickelt?
Die Behauptung des Herrn Justi (a. a. O. II, 2, S. 115):„Selten waren selbst bloße Rhetoren auf eine so unkünstlerische An-sicht verfallen, wie die von Lessing und Reynolds ist, welche im Idealnichts als den Gattungstypus erblicken," darf ich wohl unwiderlegtlassen.
XXVIII.
Die Landschaft.
Dagegen müssen wir auf zwei der citirten Sätze uoch einmalzurückkommen, und zwar zuerst auf den, daß der LandschaftsmalerSchönheiten nachahme, welche keines Ideals fähig seien, daß er alsobloß mit dem Auge und der Hand arbeite, und das Genie an seinemWerke wenig oder gar keinen Antheil habe. Wenn Herr Justi dieseAnsicht bekämpft, so werden wir ihm unbedenklich Recht geben müssen,abgesehen von der thörichten Ausdrucksweise freilich. „Als wenn",sagt er, „der Landschafter nicht ebensogut die höchsten Qualifikationendes Genies zeigen könnte, als der, für welchen nur Apollo und diedrei Grazien vornehin genug sind." (Wem will Herr Justi hiermitetwas anhängen? Lessing oder Praxiteles?) „Wie unterscheiden sichdenn Claudes und Poussins von Prospekten und Veduten? AlsVernet (1757) seine Seehäfen unternahm, tadelte man ihn in Paris,daß er vom Nachahmer zum Copisten der Natur, vom Historienmalerzum Porträtmaler heruntergestiegen sei" (a. a. O. II, 2, S. 242).Diese Sätze sind nicht sehr tief noch gründlich, aber sie enthalten einen