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Der Stoff als Substrat des Ausdrucks.
die den farnesischen Stier halten, sondern auch, daß dieser im nächstenMoment sortstürmen und die Dirke mitschleppen wird, (was wir ihmselbst nicht ansehen können); wir wissen, was die Laokoongruppe vor-stellt, wissen, daß auf dem Gallaitschen Bilde Egmont auf den Platzhinausblickt, auf dem sein Schaffst errichtet wird, wissen, daß dieMenschen, die uns Michelangelo aus den Felsgipfel gerettet zeigt, imnächsten Moment doch von den Fluchen verschlungen werden. Freilichwenn wir das Alles nicht wüßten, wieviel davon würde uns dasBild sagen? und vor allen Dingen, wieviel würde es uns sagendurch den Ausdruck seiner Gestalten, ohne Hülfe von Kostüm,Local und andern auf unsere Schulbildung speculirenden willkürlichenZeichen? Die Geschichte unserer Deutung von antiken Einzelfigurenoder Gruppen giebt darauf die lehrreichste Antwort. Ich erinnere anden sogenannten Jlioneus, an „Paetus und Arria", an die Irrfahrtender Archäologen in Betreff der Deutung des belvederischen Apollo,bis sie endlich in Delphoi landeten. Noch viel mehr Beispiele bietetdie neuere Kunst. Hierher gehört, was ich vorhin über Rafaels Dis-puta und Schule von Athen gesagt habe, und was sich, und zwargroßentheils in weit höherem Grade, aus alle allegorischen Ge-mälde anwenden läßt. Und nachdem Rafaels Galatea dreihundert-siebenundsechzig Jahre lang gegen diejenigen, welche sie für Venusausgeben wollten, ihre Identität siegreich behauptet hat, kommt plötz-lich ein neuer Feind ^), der ihr beweist, sie sei überhaupt gar nicht sieselbst, sondern die Nymphe im Vordergründe links, welche von denArmen des Tritonen gehalten werde, der aber auch nur als Tritonverkleidet sei, inwendig aber Polyphem heiße; auf der Muschel hin-gegen stehe in der That Venus. Sie soll, als sie's hörte, in dieWorte des Dichters ausgebrochen sein:
„Verwirre wüsten Sinnes Aberwitz nicht gar.
Selbst jetzo, welche denn ich sei, ich weiß es nicht!"
Andere zum Theil sehr scherzhafte Beispiele bietet uns Rembrandtdar. „Dagegen", schreibt Ernst Förster (Geschichte der deutschenKunst, Bd. III, S. 137) „hat Rembrandt wenigstens in einem Bildegezeigt, daß er einen Gegenstand aus der Profanhistorie mit drama-tischer Kraft und klarer energischer Charakterzeichnung zu behandeln
') Herman Grimm, fünfzehn Essays. 1882: „Raphaels Galatea in derFarnasina in Rom".