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Lessings Laokoon und die Gesetze der bildenden Kunst
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Stellung des Künstlers zum Zeitbcwußtsein.

Bildhauer, der den homerischen Zeus bildet, damit zugleich denZeus des Volksglaubens getroffen hat. (s. jedoch unten XXX.)

Die christliche Kirche sieht in der Kunst bald das Mittel, dieSünder, zu schrecken durch den Anblick der Höllenstrasen, oder sie zubekehren durch die Aussicht auf die Hülfe der Kirche und ihrer Hei-ligen, bald nimmt sie dieselbe in Anspruch zur Darstellung scholastischerDogmen, bald läßt sie sie die Thaten der Heiligen, das Leiden der Mär-tyrer erzählen, im besten Falle wird die Kunst zur Erweckerin einermystischen Andacht oder zur Lehrerin der biblischen Geschichte.

Der mächtige Herrscher, das siegreiche Volk verlangen von derKunst, daß sie die Geschichte ihrer Thaten schreiben, das Andenkenan gewaltige Ereignisse erhalten Heise. Die Thaten Alexanders, dasLeben der Maria von Medici, toutss los gloirss äs la l?runos, dieKaiserproclamation von Versailles, der Berliner Kongreß: das sind dieAufgaben, welche das Zeitbewußtsein dem Künstler stellt. Ihr Leben,ihre Ergötzungen, ihre Interessen will die Gesellschaft durch die Kunstsestgehaltcn sehen; politische, revolutionäre, sociale Tendenzen soll dieKunst predigen; gemeinnützige Kenntnisse zu verbreiten, braucht mansie; vor allen Dingen soll sie in neuerer Zeit theils neue Bücher demPublicum schmackhafter machen, theils bei seinen Lieblingsautorenseiner Phantasie die Mühe abnehmen, sich die Gestalten zu bilden.

Man verstehe mich recht; ich sage nicht, daß diese Aufgaben nichtzum großen Theil höchst dankbare, der Kunst höchst würdige wären;ich betone nur, daß nicht dies die Rücksicht ist, aus der sie gestelltwerden; daß Kirche, Fürsten, Publicum, oder wie die immer heißenmögen, die den Künstler beschäftigen, dabei in erster Linie nicht seinInteresse, nicht das der Kunst im Auge haben, sondern das ihrige;sie stellen ihre Aufgaben, ihre Stoffe nicht in den Dienst der Kunst,sondern sie wollen die Kunst in ihren Dienst nehmen.

Dies gelingt ihnen nun auch widerstandslos in Zeiten, in welcheneine fertige Kunst noch nicht vorhanden ist, sondern sie selbst erst die-selbe erzeugen. Der Steinmetz, der die Thaten eines Raustes, einesSalmanassar zu verewigen berufen wird, der Maler, der die ägyp-tische Grabkammer mit Bildern des Lebens, die Katakombe mit denSymbolen des Glaubens schmückt: sie geben sich rückhaltslos der Dar-stellung ihres Stoffes hin, und zwar um so rückhaltsloser, je mehr sie