Umfang des Gesammtgebietes.
59
nimmt, ist sie ini Stande, durch den Ausdruck des Moments Hand-lungen, seelische Vorgänge, Charakter, Persönlichkeit, und — mitZuhülse-nahme willkürlicher Zeichen, wie Costüm, Local, Attribute — be-stimmte Persönlichkeiten, historische, mythologische, poetische Situationenund Begebenheiten vorzustellen.
Daraus folgt aber, daß die bildende Kunst, indem sie der Form-schönheit den Ausdruck hinzufügt, nicht bloß das Gebiet der körper-lichen Schönheit vervollständigt, sondern sich zugleich dessen be-mächtigt, was Lessing (Laokoon IV, S. 51 s168j) als „das ganze un-ermeßliche Reich der Vollkommenheit" bezeichnet. Freilich nur, soweitdasselbe so in die sichtbare Erscheinung tritt, daß die Einbildungs-kraft aus dem fixirten Moment weiterzuschließen im Stande ist.Wie weit dies der Fall ist, wird sich bald ergeben. Für jetzt stehtdas fest, daß somit der Künstler im Stande ist, auch Schönheit derAffecte, der Handlungen, der Zustände, der Charaktere, kurz, seelischeSchönheit darzustellen, aus den Beschauer, wie der Dichter, durchRührendes, Erhebendes, Erheiterndes, und nicht zum wenigsten durchErregung von Furcht und Mitleid zu wirken. Und die Kunst hatvon dieser Möglichkeit jederzeit Gebrauch gemacht, auch das Rechtdazu ist ihr meines Wissens niemals bestritten worden, am wenigstenvon Lessing, wie Justi zu behaupten wagt. Zum Beweise — wennein solcher nöthig ist — erinnere ich nur au zwei Hauptsätze desLaokoon, den vom prägnantesten Moment („aus welchem das Vor-hergehende und Folgende am begreiflichsten wird." XVI, S. 167 s251j)und den vom fruchtbarsten (welcher „der Einbildungskraft freiesSpiel läßt." III, S. 40 s165j). Aus beiden geht deutlich hervor,daß Lessing die Handlung keineswegs nur als Trägerin des Aus-drucks, also der körperlichen Schönheit, zuläßt, sondern um ihresInhalts willen; denn nur in Bezug aus diesen und das demselbenanhaftende Pathos ist es dem Beschauer von Bedeutung, das Vorher-gehende und Nachfolgende zu verstehen, nur in Bezug hieraus konnteLessing behaupten: „Dem Auge das Aeußerste zeigen, heißt derPhantasie die Flügel binden rc." (ebd.) Und daß dies nicht etwa nurConcessionen sind, die er nothgedrungen der neueren Kunst macht, —für welche doch einmal nicht die Schönheit als einziges Gesetz gelte— geht deutlich aus deu Beispielen hervor, mit welchen er den Satz