50 Der Begriff Ausdruck. Permanenter und transitorischer Ausdruck.
zeichnen, welche nicht durch den Ausdruck, sondern lediglich durch dieSchönheit der Form und der Farbe zu wirken bestrebt seien. Aberfreilich dürften sich nur wenige Künstler finden, aus welche dieseCharakteristik völlig zuträfe; die eben namentlich angeführten gehörenjedenfalls nicht dazu. Dies erhellt, um nur auf das Nächstliegendehinzuweiseu, wenn wir den Venusbildern Kranachs seine Resormatoreu-bildnisse, den Venusbildern Tizians seinen Zinsgroschen entgegen-halten; und in Makarts kurzer Künstlerlaufbahn ist unverkennbar dasStreben nach Vertiefung des Ausdrucks, sei es durch lebhafte Bewe-gung der Gestalten, wie in der Jagd der Diana, sei es durch tragischesPathos, wie in der Judith. Aber wir müssen uns nun endlich überden Begriff „Ausdruck" völlig klar werden.
XIV.
Der Begriff Ausdru ck. permanenter und transitorischer
Ansdruck.
Im allgemeinsten Sinne umfaßt derselbe natürlich Alles, wasdurch Linien, Farben, Formen, Körper eben ausgedrückt wird.Das ist aber unmittelbar dasselbe, was ich oben (S. 36) alsSchein des Lebens bezeichnet habe. Ich habe damals die Fähig-keit, diesen Schein hervorzubringen, besonders der Farbe zugeschrieben;sie ist aber nicht das ausschließliche Vorrecht der letzteren. Lessingsagt (Laokoon VI, S. 82 s194s): „Was wir in einem Kunstwerkeschön finden, das findet nicht unser Auge, sondern unsere Einbildungs-kraft durch das Auge schön." Dieser Satz läßt sich erweitern: über-haupt jeden Eindruck, den wir von dem Kunstwerk empfangen, em-pfängt nicht unser Auge, sondern unsere Einbildungskraft durch dasAuge, und sie ist immer bereit, dem Künstler zu Hülfe zu kommenund das, was ihr gezeigt wird, zu ergänzen. Daher vermag auchbloße Schattirung, ja bloße Umrißzeichnung der fähigen und geübtenEinbildungskraft den Schein des Lebens zu zeigen, während die un-fähige und ungeübte ihn zum Beispiel in den Formen des Marmorsnicht finden kann: die Ursache, weshalb das Publicum so häufig auPorträtbüsten die Aehnlichkeit vermißt.