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Die Schönheit der Linien in der Malerei.
Fehler der Zeichnung zn verdecken, sondern auch thatsächlich Mängelder Zeichnung, Härten, gewaltsame Verkürzungen und dergleichen zumildern.
Hiernach kann es nicht zweifelhaft sein, daß die Aufgabe derMalerei nicht auf die Hervorbringung schöner Formen, sondern aufdie Hervorbringung schöner Linien geht. Diese können nun ent-stehen durch die Zeichnung (des Umrisses) schöner Körpersormen, durchdie Zeichnung schöner Stellungen und Gebärden, aber auch durch dieAnordnung und Gruppirung der nachgeahmten Gegenstände. Undzwar ist das Letzte die Hauptsache. Denn der Nachahmung schönerFormen bedarf der Maler, um die Schönheit der Kompositionhervorzubringen, keineswegs: auch Gegenstände, welche, jeder für sichbetrachtet, die Schönheit vermissen lassen, können durch geschickte An-ordnung zu einem Bilde vereinigt werden, welches schöne Linien zeigt.Und umgekehrt braucht die. Nachahmung schöner Körperformen nochnicht schöne Linien zu ergeben, vielmehr kann im Bilde die schönsteForm durch ungeschickte Verkürzung häßlich erscheinen. Fast ebensoverhält es sich mit der Schönheit der Stellungen; auch diese können,wenn die Figuren ungeschickt gruppirt werden, im Bilde ihre Schön-heit einbüßen, und umgekehrt können auch an sich unschöne, ja häßlicheStellungen durch geschickte Einordnung in die Komposition die schönenLinien derselben Hervorbringen helfen. Aus dem Rubensschen Kreuzi-gungsbilde in Antwerpen machen die gewaltsamen Verrenkungen desSchächers zur Linken, für sich betrachtet, einen durchaus unschönenEindruck, aber es ist nicht zu läugnen, daß die Figur zur Gesammt-wirkung der Komposition beiträgt.
Wenn wir hiernach werden zugeben müssen, daß der Maler be-hufs Hervorbringung einer schönen Komposition (schöner Linien, diesich zu einem einheitlichen Ganzen zusammensetzen) der Nachahmungschöner Formen und schöner Stellungen bis zu einem gewissen Gradeentbehren kann, so muß dies zweifellos um so mehr der Fall sein,je mehr er der Zeichnung durch die Färbung: „durch meisterhafteBehandlung des Lichtes, durch kräftige Farbengebung und geschickteBehandlung des Helldunkels" (wie Lübke (Grundriß d. Kunstgesch.II, 380j von David Teniers d. j. sagt) zu Hülfe kommt. In wiehohem Grade dies schon durch bloße Schattirung ohne Anwendungder Farbe möglich ist, das bezeugt Lessing selbst in einer Notiz über