Die verminderte Geltung der im Lnokoon entwickelten Gesetze u. s. w. 7
indem dieses Werk uns ans der Region eines kümmer-lichen Anschauens in die freien Gefilde des Gedankenshinriß."
Sonach wäre ja wohl erwiesen, daß Lessings Methode für seineZeit die angemessene war. Warum sie es für unsere Zeit nicht mehrist, will ich nur in Kürze andeuten: erstens, weil wir, mit ganzanderer Kenntniß der Kunst des Alterthums, des Mittelalters, derRenaissance ausgerüstet, die Empfindung haben, als wolle dies großeMaterial sich den Lessingschen Behauptungen nicht so schlechtwegfügen; namentlich schließen wir aus so manchem archäologischenJrrthum, den wir an der Hand neuer Entdeckungen Lessing nach-gewiesen haben, auf die Anfechtbarkeit auch der ästhetischen Gesetze,die er durch jene archäologischen Argumente unterstützen zu könnengeglaubt. Zweitens blicken wir aus ein Jahrhundert zurück, in demsich die bildende Kunst anscheinend unbekümmert um, oder gar imWiderstreit gegen den Lessingschen Kanon entwickelt hat. Und drittenshaben die Begriffe, auf welche Lessing seine Beweisführung gründete,für uns nicht mehr die zwingende Beweiskraft, die sie für seine Zeithatten. Diese Andeutungen mögen für jetzt genügen; auf den mate-riellen Inhalt derselben wird doch noch vielfach und im Einzelnenzurückzukommen sein; vorläufig kommt es nur auf die Thatsache an,daß die Theorien Lessings über die bildende Kunst heute sich nichtunbestrittener Geltung erfreuen können, weil die BeweisführungLessings, dem uns vorliegenden Material und unfern allgemeinenAnschauungen gegenüber, uns unzulänglich erscheint. Aus dieserThatsache aber ergiebt sich unmittelbar die Forderung, — und zwargleich sehr für die Verehrer, wie für die Bekämpfer Lessings, — dieLessingsche Theorie mit Hülse jenes gesammten Materials und andem Maßstabe moderner Anschauung einer möglichst gründlichen undvollständigen Nachprüfung zu unterziehen.