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Lessings Laokoon und die Gesetze der bildenden Kunst
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6 Die verminderte Geltung der im Laokvon entwickelten Gesetze u. s. w.

denn die gesehen? Man erinnere sich doch der Zustände, die Winckel-mann aus Deutschland forttrieben, der Schilderung, die Goethe vondem Kunstleben seiner Vaterstadt giebt. Wie viele von LessingsLesern kannten denn auch nur die Sixtinische Madonna? Wenner aber nicht darauf rechnen konnte, durch Nennung der Namen be-stimmte Bilder in seinen Lesern wachzurufen, wozu war dann über-haupt die Beziehung? Die Dichterstelle, aus welche er sich berief,konnte er anführen, wenn er meinte, daß sie seinen Lesern nicht be-kannt sei; aber ein Gemälde? Gesetzt, er hätte auf das RafaelscheBild in der Weise hingewiesen, wie ich es vorhin gethan, würdeer denn damit bei solchen, die es nicht kannten, eine bestimmte Vor-stellung erweckt haben? Ich denke, wir müssen vielmehr sagen: wennLessing gemeint hätte, durch Beschreibungen von Bildern einen ähn-lichen Erfolg zu erzielen, wie durch Anführung von Dichterstellen, sohätte er eben überhaupt den Laokoon nicht schreiben können.

Und andrerseits was uns jetzt abstract, unlebendig, jascholastisch und spitzfindig erscheint, erschien es denn den Zeitgenossenebenso? Galt nicht vielmehr eine solche Untersuchungaus den letztenGründen" für das Höchste, was menschlicher Scharfsinn leisten konnte?Es ist völlig in diesem Sinne, wenn Lessing in seiner vorläufigen Dis-position zum zweiten Theil des Laokoon (H. 4. II Th. XXXI, S. 264)sagt:Herr Winckelmann scheint dieses höchste Gesetz der Schönheitbloß ans den alten Kunstwerken abstrahirt zu haben. Man kannaber ebenso unfehlbar durch bloße Schlüsse darauf kommen," wobeidoch offenbar die Form der Untersuchungdurch bloße Schlüsse" alsdie höhere erscheint. Und dem entspricht auch, was uns über die Auf-nahme des Laokoon bekannt ist. Es dürfte hier das Zeugniß GoethesinWahrheit und Dichtung" (II, S. 124 der 40 Bde. Ausg.) genügen.Auf zweierlei Weise," schreibt er,kann der Geist höchlich erfreutwerden, durch Anschauung und Begriff. Aber jenes erfordert einenwürdigen Gegenstand, der nicht immer bereit, und eine verhältniß-mäßige Bildung, zu der man nicht gerade gelangt ist. Der Begriffhingegen will nur Empfänglichkeit, er bringt den Inhalt mit und istselbst das Werkzeug der Bildung. Daher war uns jener Lichtstrahlhöchst willkommen, den der vortrefflichste Denker durch düstre Wolkenaus uns herableitete. Man muß Jüngling sein, um sich zu vergegen-wärtigen, welche Wirkung Lessings Laokoon auf uns ausübte,