4 Die verminderte Geltung der im Lciokoon entwickelten Gesetze u. s. w.
anzunehmen, daß Lessing Mengs mißverstanden. Ein solches Miß-verständlich aber einer an sich nicht schwierigen Stelle, welche er nichtetwa beiläufig anführt, sondern zur Grundlage einer Auseinander-setzung macht, kann unmöglich auf Unachtsamkeit beruhen, sondernläßt sich nur so erklären, daß die Worte, welche Lessing bei Mengslas, in seiner Seele die Vorstellung eines Bildes wach riefen, inwelchem gerade durch einen solchen „geringen Fehler" „eine größereVollkommenheit des Ausdruckes" erreicht wird. Es ist mir bei derLektüre dieser Stelle in der That niemals zweifelhaft gewesen, daßLessing dabei das einzige Rafaelsche Bild im Sinne hatte, welcheser gesehen: die Sixtinische Madonna, bei der ja der Eindruck desHervorschwebens in bedeutendster Weise dadurch erhöht wird, daß dieGewandfalte über dem linken Fuße tiefer zurückspringt, als es diegegenwärtige Stellung des Beines erlaubt. Wie viel lebendiger unddarum überzeugender würde uns nun Lessings Deductiou erscheinen,wenn er dieses Beispiel angeführt hätte statt der Mengsschen Stelle,auch abgesehen von dem Mißverstehen derselben.
Läugnen läßt sich also der abstracte, unlebendige Charakter derLessingschen Darlegungen über das Wesen der bildenden Kunst nicht;wie aber ist er zu erklären? Zum Theil doch unzweifelhaft aus derIndividualität des Mannes. Daß Lessing an Gemälden und Bild-werken an sich ein ganz unverhältuißmäßig geringeres Interesse gehabt,als an Büchern, wer könnte versuchen das zu bestreiten? Von denEindrücken jener Dresdener Reise weiß er seinen Freunden kein Wortzu berichten, und das Tagebuch seiner italienischen Reise, — es istzwar mager genug, enthält aber doch allerhand litterarische und anti-quarische Notizen, auch Aufzeichnungen von Sammlungen u. dergl.,welche er hier und da gesehen; so sehen wir, daß er in Rom dasClementinische Museum besucht, auch das Capitoliuische, wogegen dieSixtinische Capelle so wenig erwähnt wird, wie die Rasaelsäle desVatican: aber von dem, was er in jenen Sammlungen gesehen, er-fahren wir nicht ein Wort. „Man erzählt, daß Lessing in Rom einesTages stundenlang vergebens gesucht wurde — endlich fand man ihnvor der Gruppe des Laokoon, in tiefe Betrachtung derselben versenkt."So schreibt immer ein Lessingbiograph dem andern nach/) und die
') Nur Erich Schmidt läßt das Geschichtchen weg.