IV
Vorwort.
Zweitens glaube ich ein Wort über den Vorläufer dieser Schrift,über meine Ostern 1884 im Greifswalder Gymnasialprogramm er-schienene Abhandlung: „Zn Lessings Laokoon. Bemerkungen zuBlümners Laokoonstudien, Heft II, über den fruchtbarsten Mo-ment" sagen zu müssen. Die Beweisführung dieser Abhandlung imGanzen und ihre Resultate halte ich vollständig aufrecht; wenn ichmich jetzt nicht auf dieselbe berufen habe (mit Ausnahme einer Stelle,s. unten XXXV), so hat dies seinen Grund darin, daß ich damals,mit unzulänglichen Hülssmitteln, auf eine nicht immer getreue Er-innerung fußend, zum Theil auch in alten angelernten Vorurtheilenbesangen, in Bezug auf die Auffassung und Beurtheilung mancherKunstwerke so Manches ausgesprochen habe, was ich jetzt als ent-schiedenen Jrrthum anerkennen muß. Dies gilt besonders von dem,was ich über Rubens gesagt; namentlich von der Kreuzigung, derDresdner Löwenjagd, dem jüngsten Gericht; aber auch von einigenandern Bildern. Ich will somit ausdrücklich erklären, daß ich denInhalt jener Abhandlung nur so weit unbedingt aufrecht halte, alser, wenn auch in veränderter Form, in diesem Buche wiederkehrt.
Ich bemerke noch, daß ich mich bemüht habe, möglichst genau zucitiren, und zwar den Text des Laokoon (und ebenso die Blümner-schen Anmerkungen) nach der Blümnerscheu Ausgabe (B.), wobeidie erste Zahl die Seite der ersten Auflage, die zweite, in eckigeKlammern eingeschlossene, die der zweiten bezeichnet. Den sogenanntenNachlaß dagegen und alle übrigen Lessingscheu Stellen citire ich nachder Hemp elschen Lessingausgabe (H.), und füge nur, so weit es zurOrientirung nöthig ist, die Blümnerschen Nummern hinzu. Daßich nicht das Umgekehrte vorziehe, hat darin seinen Grund, daß ichmit dem Abschnitt des Blümnerschen Commentars: „Entwürfe, Notizenund Collectanea zum Laokoon aus Lessings handschriftlichem Nachlasse"(B. sS. 351—478)) mich nicht befreunden kann. Es mag ja ganzangenehm sein, Alles, was Lessing sich jemals notirt hat, um es fürden Laokoon zu verwenden, ob er es nun verwendet hat oder nicht,und Alles, was er sich zwar zu andern Zwecken notirt hat, was abermit dem Inhalt des Laokoon in Beziehung steht, an einer Stelle bei-sammen zu haben; andrerseits aber ist eine solche Sammlung sehrgeeignet, einen Fehler der Lessingsorscher, von dem ich auch Blümnernicht sreisprechen kann, Vorschub zu leisten: der Neigung nämlich,