zutreten; noch wissen wir so gut wie nichts von diesenLeuten; nicht einmal ein einziges Haar von ihnenist untersucht worden und keine Silbe ihrerSprache; die ganze ungeheure und in derGeschichte der Ethnographie wohl unerhörtePlünderung der Insel ist also ohne wissen-schaftliches Resultat geblieben. Nur die grossenhellebardenartigen Holzwaffen, die Parkinson aus derThiel’schen Sammlung abbildet, sind neu, und scheinenfast ebenso deutlich nach Japan zu weisen, wie dasvon Kubary aus Pelau publizierte Bildwerk, auf demklar und deutlich zu sehen ist, wie ein Krokodil voneinem Affen überlistet wird. Das ist niemals mikro-nesisch in dem Sinne, den wir jetzt mit dem Worteverbinden; wie selten oder wie häufig die Spurenwirklich in Japan einheimischer Märchen in MikronesienVorkommen, ist bisher nicht bekannt, aber so oft oderso selten sie da wirklich vorhanden sind, immer wirdman an direkte Einfuhr zu denken haben, immer anwirkliche 'Beeinflussung durch verschlagene oder sonstirgendwie nach Pelau gelangte Japaner.
Auf der Ausstellung selbst war Matty durch eineReihe von Stücken vertreten, die sich mit den frühervon mir veröffentlichten völlig deckten. Neu war nurder Taf. XXXIII, Fig. 12 abgebildete Dolch mit Scheideaus Palmmark. Zum Vergleiche sind auf derselbenTafel, Fig. 8 und 9 grössere Handwaffen mit Haifisch-zähnen abgebildet, wie sie für die Kingsmillgruppetypisch sind; die beiden schönen alten Stücke fand ichin der »Kolonialhalle« ausgestellt, leider ohne Angabenüber Herkunft. Dasselbe gilt von dem schönen undsehr typischen »Oesfass« von Jaluit, das da freilichumgekehrt, mit dem Stiel nach unten, wie eine Keuleausgestellt war und wohl von fast allen Besuchern auchfür eine solche gehalten wurde. Es liegt in der Formder Jaluit-Boote begründet, dass die zum Ausschöpfendes Wassers dienenden Oesfässer einen langen Stielhaben müssen.
Nasenflöten aus Neu-Britannien.
Eine Anzahl sehr merkwürdiger neubritannischerNasenflöten aus den Sammlungen von Ribbe, Kaufmannu. a. veranlasste Dr. Weule und mich, den Verzierungenderselben etwas näher zu treten und auch die Stückeaus dem Besitze des Königl. Museums für Völkerkundezum Vergleiche heranzuziehen. Das Resultat dieserUntersuchung ist auf Tafel XXXII und dem oberenTeil von Tafel XXXIII niedergelegt. Es handelt sichum dünne Rohrflöten, welche mit der Nase angeblasenwerden und ohne Ausnahme ganz mit reichen ein-geritzten*) und schwarz gefärbten Verzierungen bedecktsind. Noch vor wenigen Jahren würden wir uns damitbegnügt haben, diese Verzierungen als »phantastisch«
*) oder vielleicht auch eingebrannten; es ist mir bisher nichtmöglich gewesen, etwas sicheres über die Technik zu erfahren.
zu bezeichnen — heute empfinden wir das dringendeBedürfnis, sie zu zeichnen, stilistisch zu verstehen undinhaltlich zu erklären. Nur dem ersten dieser Bedürf-nisse kann einstweilen hier entsprochen werden, aller-dings (dank der Sorgfalt von Dr. Weule) in ganzmustergiltiger Weise; aber mit dem Verständnisse undder Erklärung sieht es um so schlechter aus; besondersfür die letztere sind wir da ganz auf künftige Unter-suchungen an Ort und Stelle angewiesen. Einstweilensei hier nur versuchsweise angedeutet, dass es sich beidiesen Verzierungen durchwegs um tanzende (?) mensch-liche Figuren zu handeln scheint. Auf den Abbildungen2, 3, 5 und 11 der Tafel XXXII wird man diese Figurensofort erkennen; auf den unter 3, 4 und 6a derTafel XXXIII gezeichneten Stücke scheinen wirklicheTanzattribute in den Händen und auf den Köpfen derFiguren dargestellt zu sein; ja, es ist sogar nicht un-möglich, dass die Gesichter derFiguren nicht das wirklichemenschliche Antlitz, sondern Masken vorstellen sollen.Sicher aber ist, dass diese P'iguren den merkwürdigstenKümmer-und Wucherformen, sowie den abenteuerlichstenStilisirungen unterworfen sind. So wird z. B. der Rumpfin unnatürlicher Art verlängert, vermutlich, wie derHals auf Giebelbalken in Pelau *) einfach nur in An-schmiegung an den einmal gegebenen Raum. Demselbenhorror vacui verdankt vielleicht auch die schichtweiseAnordnung mehrerer Reihen von Figuren übereinanderihre Entstehung. Besonders bezeichnend hierfür ist dieFlöte Tafel XXXII, Fig. 3; da sind nur zwei Figurengross und deutlich angelegt, doch ober ihnen sind dreiund unter ihnen acht Reihen, jede mit zwei kleinenMännchen, die aber so verkümmert sind, dass sie über-haupt nicht ohne weiteres als solche zu erkennen wären,würde nicht bei einigen das deutlich gezeichnete Ge-sicht sofort auf die richtige Spur bringen. Wird aberdiese Spur weiter verfolgt, so kommen wir dahin, auchauf der Flöte Fig. 6, ja sogar noch auf denen Fig. 13und 7 derselben Tafel die Reste menschlicher Figurenzu erkennen.
Einen ganz anderen Typus haben Verzierungen,die auf den Flöten 8 und 9 derselben Tafel am klarstenzum Ausdruck kommen. Wie anderswo Schurtz**),so werden wir in den Systemen von konzentrischenKreisen auch hier wieder Augen erkennen, und ebensoscheint es fast selbstverständlich, dass wir in denwinklig gebogenen Längsstreifen die eckigen Glied-massen und in den geraden die Leiber der typischenFlötenmännchen vor uns haben. Nicht ganz so weitist die Verkümmerung auf der Flöte Tafel XXXII,Fig. 1 vorgeschritten; da braucht man nur einen Blickauf die Flöte Fig. 5 derselben Tafel zu werfen, umihre Darstellungen sofort zu verstehen; geradezu ent-
*) Kubary, Ethnogr. Beitr. z. Kenntnis des Karolinen-Archipels.Tafel XXXV.
**) Das Augen-Ornament und verwandte Probleme. Leipzig 1895.
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