Kaiser Wenzel und die Juden.
51
leibten zuerst die Ihrigen und dann sich selbst. Die Synagoge wurdeeingeäschert, die heiligen Schriften zerrissen und mit Füßen getreten.Nicht einmal der Friedhof blieb von der Rohheit der christlichenEiferer verschont. Die Leichname auf den Straßen wurden ihrer
Kleider beraubt, nackt gelassen und dann mit Thieräsern zusammenverbrannt.
Auch die Gemeinden in der Nähe der böhmischen Hauptstadtwurden dafür, d. h. für nichts, verantwortlich gemacht, „eingesperrt,gepeinigt, gemißhandelt und gequält". Der damalige Papst erließzwar eine Bulle gegen die Grausamkeiten (2. Juli 1389 H, inwelcher er auf die Verordnung des Papstes Clemens IV. hinwies,daß die Juden nicht zur Taufe gezwungen und ihre Festtage nichtgestört werden sollten, aber ohne Gewissensbisse in den Gemüthernder Gläubigen zu erregen. Vergebens wandten sich die Juden anihren Schutzherrn, den deutschen Kaiser Wenzel, in dessen eigenerHauptstadt solche Gräuel vorgekommen waren. Dieser Fürst, der,wenn er nicht Kaiser gewesen, ein Raubritter geworden wäre, der nureinige Einsicht hatte, wenn er nicht betrunken war — und das kamselten vor — dieser Kaiser gab sein Urtheil über diesen Vorfall da-hin ab: Daß die Juden ihr Geschick verdient hätten, weil sie sich amOstersonntage außer ihren Häusern hatten blicken gelassen. Nur aufihre Hinterlassenschaft war er bedacht und ließ sie für seine stets leereSchatulle einziehen. Mehrere Jahre vorher hatte er Anstrengungengemacht, die Schuldforderungen der Juden an sich zu bringen unddazu die Vertreter der schwäbischen Städte in Ulm zusammen kommenlassen (1385)2).
Dann erließ der Kaiser Wenzel eine Verordnung, welche die ge-fährlichsten Eingriffe in das Eigenthum gestattete und die deutschenJuden arm machte, ohne dem Volke, dessen Wohl dabei zum Vorwändegenommen wurde, zu nützen. Die Fürsten und Machthaber Deutsch-lands wollten nämlich auf eine leichte Weise zu Summen gelangen,um ihre Schwelgereien und Balgereien fortführen zu können, und ge-brauchten als Mittel dazu, den Kaiser Wenzel anzugehen, wegen desübermäßigen Wuchers reicher Juden zu erklären: Daß sämmtliche
*) Diese Bulle wird nur in einer portugiesischen Quelle angeführt, in derOräonnunyüo ^lionsino, woraus Gordo ihren Inhalt mitthcilt (in der Quelleo. S. 46 Anmcrk.). Auffallend ist cs aber, daß diese Bulle (ansgest. 2. Juli1389) Bonifacius IX. zugcschricben wird, während dieser sein Pontificat erst2. November desselben Jahres antral. Sollte sich die portugiesische Quelle imDatum geirrt haben, oder stammt die Bulle von seinem Vorgänger Urban IV?
2) Vcrgl. Stobbc, die Juden in Deutschland während des MittelaltersS- 134 fg.
4 *