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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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Sinn, wenn er episch gestimmt ist, lebt in der freien, heiteren Natur; derepische Dichter kann also nie genug dickst, genug Sonne, nie eine hinlüng-tichc Fülle von Gestellten, nie genug lebendige Bewegung derselben, niegenug reiche und mannichfaltigc Farbengebung erlangen. Aber mitten indiesem üppigsten Rcichthume muß nicht nur überhaupt die Form, sondernin ihm selbst auch durchgängige Harmonie herrschen; ein Ton muß denanderen mildern; keiner muß sich schreiend hervordrängen; die Sinne müssenergötzt, aber nicht in verwirrendem Taumel mit fortgcrissen werden. Derepische Dichter hat daher alles Bunte und Schreiende, alles Grelle undContrastircndc zu vermeiden.

Allein dies, wovon wir bis jetzt redeten, sind nur erst die einzelnenZüge zu seinem Gemälde; die große Kunst besteht darin, dies Gemäldeselbst znsammenznsctzcn. Hierbei indcß brauchen wir nicht weiter zu ver-weilen. Diese Kunst ist eben das, womit wir uns in dem ersten Theiledieses Aufsatzes so ausführlich beschäftigt haben, die reine Objcctivität, dieden Gegenstand in seiner ganzen lebendigen Gestalt vor uns hinstcllt.Wir haben gesehen, daß dieselbe vorzüglich durch die ununterbrocheneStetigkeit der Umrisse bewirkt wird, und das Gesetz dieser Stetigkeit istdaher dem epischen Dichter mehr als irgend einem anderen vorgeschriebcn.

Der bloß und ruhig beschauende Sinn ist nie, da er nie von einereinzelnen Absicht, noch einer einzelnen Empfindung ausgeht, ans EinenGegenstand ansschlicßend geheftet; er schweift immer ans andere, immerans alles über, was er zugleich vor sich erblickt, sucht immer eine Mengevon Objecten, oder, wenn er in seiner besten Stimmung ist, immer einGanzes derselben. Das Werk des epischen Dichters muß daher, indem csbestimmt ist, ans die ganze Natur eine freie Aussicht zu öffnen, eineMenge von Objecten, eine Mannichfaltigkeit einzelner Gruppen umfassen,und in diesen muß nun jede Gestalt in ihren' einzelnen Theilen, jedeGruppe in ihren einzelnen Gestalten, endlich das Ganze in seinen ein-zelnen Gruppen durch nirgends unterbrochene Umrisse eine einzige Formbilden. Aber diese Stetigkeit wird auch noch außerdem durch die erforder-liche Bewegung nothwcndig. Denn jede Unterbrechung derselben würdeeben so gut ein Stillstand in dieser, als eine Lücke in der Gestalt sein.

Jedes epische Gedicht muß daher am Ende eine vollkommene Ein-heit aufstellen; und da dies keine Einheit nach Begriffen (wie in derNaturbeschreibung und Geschichte) sein darf, so muß eine Einheit derGestalt und der Handlung sein. Es darf daher nicht mehr als Eine