Identischen erhebt, da muß er es immer zur Wirklichkeit zurückführen, unddadurch verknüpft er die innere Idealität zugleich mit der äußeren Wahrheit.
Es giebt vielleicht keine rührendere und erhabenere Stelle, keine,aus welcher die Erfahrung aller Jahrhunderte und die Eigenthümlichkcitunserer Zeit deutlicher spricht als die Worte, welche der Dichter demunglücklichen früheren Verlobten Dorotheens über die welterschütterndcnBewegungen, von denen wir in diesen letzten Jahren Augenzeugen ge-wesen sind, in den Mund legt. „Alles regt sich einmal," sagt er;„keine Form, wie heilig sic sei, kein Band, wie fest Freundschaft oderLiebe cS geknüpft habe, ist mehr dauerhaft. Darum setze überall nurleicht den beweglichen Fuß ans; darum schätze das Leben nicht höherals ein anderes Eint, und alle Güter sind trüglich." Welche natürlicheund rührende Betrachtung! die aber freilich nur dem geläufig sein kann,der mehr in Ideen als in der Wirklichkeit lebt, der, erhaben über dieFreuden des Lebens und die Güter der Welt, sein Glück nicht ans dieDauer des ersteren und an den Genuß der letzteren knüpft, und leicht be-reit, das, was er besaß, für etwas Lienes anfzngeben, jenes mit minderrüstigem Mnthc bewahrt und vcrtheidigt. Wer wird längnen, daß dies
eine schöne und erhabene Gesinnung ist? aber wer auch erkennt nicht,daß eben diese jene fürchterliche Bewegung thcils mit hcrvorgcbracht, theilsunterhalten und fortgcleitet hat?
Wie schön nimmt Hermann dies ans, wie rein läßt er alles daranfahren, was seiner kraftvollen Natur nicht gemäß ist, und hält sich alleinan das Eine fest, wodurch der Mensch sich dicht an die Wirtlichkeit an-schließen, seine Forderungen mit den Fügungen deS Schicksals vereinigen kann!
Der Mensch,
sagt er,
der zur schwankenden Zeit noch schwankend gesinnt ist,
Der vermehret das liebet, und breitet es weiter und weiter;
Aber wer fest ans dem Sinne bcharrt, der bildet die Welt sich.
„Leicht also mit Kummer zu bewahren, und mit Sorge zu genießengeziemt sich, sondern mit Mnth und Kraft zu vertheidigcn, was inanbesitzt." Wie trefflich Paart sich nun in ihm und Dorotheen dieser männ-liche Mnth mit jener sanfteren, aber gleich hohen Gesinnung, die jedesGlück dankbar ergreift, aber keinem vertrant, und andere und bessereGüter kennt, als deren Besitz trüglich und deren Dasein vergänglich ist.