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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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Prüfstein seines wahren ästhetischen Wcrthes. Denn an diesen: Zielemüssen sich alle mit einander vereinigen, welche den Namen eines Künst-lers mit Recht tragen wollen, wie verschieden auch der Weg sei, den sie,gezwungen durch die Gattung, die sic gewählt haben, oder cingeladen durchdie Verschiedenheit ihrer Individualität, dahin cinschlagen. Eine Nation,^die noch nicht lebendig empfindet, daß dort allein die künstlerische Vollen-dung gesucht werden darf, eine Sprache, die es ihren Dichtern nicht leichtmacht, diese Bahn mit Glück zu verfolgen, sind von dem großen Stilein der Poesie noch entfernt, und entbehren noch aller der wohlthätigenFolgen, die damit für die Bildung überhaupt und den Charakter ver-bunden sind.

Denn allerdings giebt cs außer jenen: großen und hohen Stile inder Kunst noch einen anderen, der den: von Natur minder reinen, oderdurch Verwöhnung verdorbenen Geschmack sogar noch gefälliger schmeichelt,und daher sehr oft mit jenen: allein echten verwechselt wird. Ja, da beidegewissermaßen in zwei verschiedenen Regionen liegen, so kann selbst dieKritik zwischen zwei Kunstwerken zweifelhaft sein, von denen das eine injenen: minder hohen Stil mehr leistet, als das andere ans seinen: besseren,aber auch steileren und gefahrvolleren Pfade.

Unter allen Künsten aber ist keine der Versuchung, ihre cigenthüni-lichc Schönheit durch erborgten Schmuck zu entstellen, so nahe, als dieDichtkunst. Denn außerdem daß sie, wie jede andere Kunst, statt dieEinbildungskraft völlig frei und selbstthätig zu erhalten, statt sic entschie-den zu nöthigen, ein bestimmtes Object hcrvorznbringen, sic bloß mit ange-nehmen und gefälligen Bildern erfüllen, sic mit einen: bunten, aber un-bedeutenden Farbcnspicl umgeben kann; so hat sie auch noch einen anderenAbweg zu fürchten, der nur ihr allein angehört. Da sie durch die Sprache,also durch ein Mittel wirkt, daS, ursprünglich nur für den Verstand ge-bildet, erst einer Umarbeitung bedarf, um auch bei der Phantasie Ein-gang zu finden; so schweift sie leicht in daS Gebiet der Philosophie hin-über, und intcrcssirt unmittelbar den Geist und das Herz, statt bloß ansdie Einbildungskraft cinznwirkcn. Mehr, als irgend eine ihrer Schwestern,im Stande, auch noch durch etwas, das gar nicht mehr Kunst ist, zu gelten,findet sic überall die mchrstcn Anhänger, da hingegen die Musik, dieMalerei und vor allen die Plastik, in denen sich, vielleicht gerade in derhier angegebenen Stufenfolge, der Begriff der Kunst immer reiner und