1970
Schmiegsamkeit ihrer Phantasie. Ja, im öffentlichen Le-ben kann man ihnen sogar besser trauen, als anderen Leuten,denn die Eitelkeit ist eine Art zweiten Gewissens, und wie einDichter selbst gesagt hat:
'Wer nicht das Böse scheut, flieht doch den Namen;
So wird statt des Gewissens Scham sein Zwingherr.'
Im Privatleben allein thun wi^gut, uns vor diesen Kin-dern der Phantasie in Acht zu nehmen; denn sie weihen dieSchätze ihres Gefühls so ganz der Muse, daß wir ihnenebensowenig zumuthen dürfen, einen Gedanken an die ein-fachen Menschenpffichten zu vergeuden, als sich von einemin der Hauptstadt flunkernden Verschwender erwarten läßt,er werde 'sein Geld in Bezahlung seiner Schulden verzet-teln'. Aber die ganze Welt vereinigt sich darin, Nachsichtzu tragen mit den Schwächen derjenigen, welche ihre eige-nen Täuscher und Züchtiger sind. Die Dichter haben mehrBegeisterung, mehr Liebe und mehr Herz, als andere Leute,aber nur für die Erzeugnisse ihres eigenen Schaffens. Esist vergeblich, sie durch alltägliches Verdienst und gewöhn-kiche Verpflichtungen an uns fesseln zu wollen, gleichviel,was wir an Mühe und Opfern aufwenden mögen. Sie sindundankbar gegen uns, blos weil die Dankbarkeit eine so garunpoetische Eigenschaft ist. Wir verlieren sie, so bald wirsie zu fesseln suchen. Ihre Zuneigung ist
'Leicht wie die Luft, weim's Menschenbaiiden gilt;
Ihr Flügelschlag trägt sie im Nu von Humen.'
Sie folgen ihren Launen, beten ihre eigenen Blendwerke anund beschwören, da ihnen die menschlichen Gestalten zu ma-