1697
ihre förmliche Verlobung mit Harley mitgetheilt. Zwarkam Violante dieses Vertrauen nicht unerwartet; sie hattedas Verhältniß bereits geahnt und sich schon vollkommender Neberzeugung hingegeben, daß der Traum ihrer Kind-heit für immer dahin sey; aber dennoch folgte auf die er-klärte Wahrheit, die von Helens Lippen kam, jener bittereSchmerz, welcher beweist, wie unmöglich es ist, das mensch-liche Herz vorzubereiten auf den endlichen Spruch, wel-cher die ganze Zukunft vernichtet. Sie verbarg übrigensihre Erregtheit vor Helens arglosem Auge; denn ein tief-gewurzclter Gram wird selten an sich selbst zum Verräther.Nach einer kleinen Weile aber schlich sie von hinnen undverließ ohne einen Gedanken an Peschiera oder an die ihrdrohenden Gefahren — (denn welche Gefahr hätte sie tieferverwunden können?) — das Haus, um sich in ihrer Trost-losigkeit unter den entlaubten winterlichen Bäumen zu erge-hen. Gelegentlich blieb sie stehen und murmelte von Zeitzu Zeit immer dieselben Worte vor sich hin: „Wenn sie ihnliebte, so läge darin ein Trost für mich. Aber sie liebt ihnnicht — wie hätte sie sonst so ruhig mit mir sprechen — wa-rum so traurig dabei aussehen können? Sie hat kein Herz— kein Herz für ihn."
Dann folgte ein ungestümer Ausbruch von Bitterkeitgegen die arme Helen, welcher fast den Charakter der Ver-achtung oder des Haffes annahm — sie erschrack selbst vordessen Nebermaß.
„Bin ich denn so niedrig geworden?" sagte sie, undDhränen der Demüthigung stürzten ihr in die Augen. „KannWnlwer, meine Novelle. 107