1099
zur bestimmten Stunde als der Befreier der Zukunft auf-zutreten. Um dieses Bild gruppirten sich alle die Anziehungs-punkte, welche das Zauberland alter Heldensage einer jung-fräulichen Phantasie zu bieten vermochte. Sie war nochsehr jung, als Riccabocca einmal der geliebten Tochter,um ihre Neugierde zu befriedigen und ihr eine allgemeineVorstellung von dem Gegenstand seiner Verehrung bcizu-bringen, aus der Erinnerung mit kunstfertiger Hand eineSkizze von dem Acußeren des Fremdlings entworfen unddas Bilv Harley's, der sich damals in der Blüthe männlicherSchönheit befand, ohne Zweifel idealisirt und mit einemvon der Dankbarkeit geführten Pinsel gemalt hatte, obschoncs bei alledem mit ziemlicher Treue ausgcführt war. Nament-lich fehlte nicht der Schatten tiefer Trauer über einen nochjungen Schmerz, welcher den hervorragendsten Zug bildetein dem wechselnden Ausdruck des schönen Gesichts, so daßman bei der Betrachtung sich des Ausrufs nicht erwehrenkonnte — „So traurig und doch so jung!" Violaute hieltsich nie mit der Vorstellung auf, daß dieselben Jahre, welcheihre Kindheit zur Jungfräulichkeit gereift hatten, wenigersanft über jene glatte Wange und die träumerische Stirnehingegangen seyn dürste, und daß die Welt vielleicht die^ Natur wie die Zeit das Aeußere geändert hatte. Für siel verblieb der Held ihrer Ideale unsterblich in blühender Ju-gend. Eine schöne Täuschung, die wir alle mit ihr gemeinhaben, wo irgend die menschliche Gestalt durch die Poesiegeheiligt wird. Wer kann sich Petrark denken als einenGreis, wankend und hinfällig unter her Last der Jahre?