II. Au der Lehre von den Pnralogismen der reinen Vernunft. 671
Es ist also die Identität des Bewußtseins meiner Selbst inverschiedenen Zeiten nur eine formale Bedingung meiner Gedankenund ihres Zusammenhanges, beweiset aber gar nicht die numerischeIdentität meines Subjccts, in welchem, ohnerachtet der logischenIdentität des Ich, doch ein solcher Wechsel vorgegangen sein kann,der es nicht erlaubt, die Identität desselben beizubchaltcn; obzwarihm immer noch das gleichlautende Ich zuzutheilen, welches in
jedem anderen Zustande, selbst der Umwandlung des Subjects, dochimmer den Gedanken des vorhergehenden Subjects aufbchalten undso auch dem folgenden überliefern könnte*).
Wenn gleich der Satz einiger alten Schulen, daß Alles fließendund nichts in der Welt beharrlich und bleibend sei, nicht Statt fin-den kann, sobald man Substanzen annimmt, so ist er doch nicht
durch die Einheit des Selbstbewußtseins widerlegt. Denn wir selbstkönnen aus unserem Bewußtsein darüber nicht urtheilen, ob wirals Seele beharrlich sind oder nicht, weil wir zu unserem identischenSelbst nur dasjenige zählen, dessen wir uns bewußt sind, und soallerdings nothwcndig urtheilen müssen, daß wir in der gan-
zen Zeit, deren wir uns bewußt sind, ebendieselben sind. In demStandpunkte eines Fremden aber können wir dieses darum nochnicht für gültig erklären, weil, da wir an der Seele keine beharr-liche Erscheinung antreffcn, als nur die Vorstellung Ich, welche siealle begleitet und verknüpft, so können wir niemals ausmachen, ob
*) Eine elastische Kugel, die auf eine gleiche in gerader Richtung stößt,thcilt dieser ihre ganze Bewegung, mithin ihren ganzen Zustand, (wenn manblos auf die Stellen im Raume sieht,) mit. Nehmet nun, nach der Analogiemit dergleichen Körpern, Substanzen an, deren die eine der anderen Vor-stellungen sammt deren Bewußtsein cinflößtc, so wird sich eine ganze Reihederselben Lenken lassen, deren die erste ihren Zustand sammt dessen Bewußt-sein der zweiten, diese ihren eigenen Zustand sammt dem der vorigen Sub-stanz der dritten,-und diese eben so die Zustande aller vorigen, sammt ihremeigene» und deren Bewußtsein mittheilte. Die letzte Substanz würde alsoaller Zustande der vor ihr veränderten Substanzen sich als ihrer eigenenbewußt sein, weil jene zusammt dem Bewußtsein i» sie übertragen worden,und demuncrachtet würde sie doch nicht eben dieselbe Person in allen diese»Zustande» gewesen sein.