Druckschrift 
2 (1838) Immanuel Kant's Kritik der reinen Vernunft
Entstehung
Seite
625
Einzelbild herunterladen
 

Die Architektonik der reinen Vernunft. 625

an der letzteren halten, und näher bestimmen, was Philosophie,nach diesem Weltbegriffe*), für systematische Einheit aus demStandpunkte der Zwecke vorschreibe.

Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten, deren(bei vollkommener systematischer Einheit der Vernunft) nur ein ein-ziger sein kann. Daher sind sie entweder der Endzweck, oder sub-alterne Zwecke, die zu jenem als Mittel nothwendig gehören. Dererstere ist kein anderer, als die ganze Bestimmung des Menschen,und die Philosophie über dieselbe heißt Moral. Um dieses Vorzugswillen, den die Moralphilosophie vor aller anderen Vernunftbcwcr-bung hat, verstand man auch bei den Alten unter dem Namen desPhilosophen jederzeit zugleich und vorzüglich den Moralisten, undselbst macht der äußere Schein der Selbstbeherrschung, durch Ver-nunft, daß man Jemanden noch'jetzt, bei seinem eingeschränktenWissen, nach einer gewissen Analogie, Philosoph nennt.

Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hatnun zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, 7 und enthält also so-wohl das Naturgesetz, als auch das Sittengesctz, anfangs in zweibesonderen, zuletzt aber in einem einzigen philosophischen System.Die Philosophie der Natur geht auf Alles, was, Ler nst; die derSitten nur auf das, was da sein soll. 7

Alle Philosophie aber ist entweder zErkenntniß aus reiner Ver-nunft, oder Vernunfterkenntniß aus, empirischen Principien. Dieerstere heißt reine, die zweite empirische Philosophie.

Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Pro-pädeutik (Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft inAnsehung aller reinen Erkenntniß s priori, untersucht, und heißtKritik, oder zweitens das System der reinen Vernunft (Wissen-schaft), die ganze (wahre sowohl, als scheinbare) philosophische Er-kenntniß aus reiner Vernunft im systematischen Zusammenhänge,- , : .

*) Wcltbcgriff heißt hier derjenige, der das betrifft,, wqs Jedermannnothwendig intcrcssi.rt; mithin bestimme ich die Absicht einer Wissenschaft nachSchutbcgriffen, wenn sie nUli'als eine von den Geschicklichkeiten (» ge-wisse» beliebigen Zwecken angesehen wird.

Kant s. W. II.

40