Die Di'sci'plin der reinen Vernunft im polem. Gebrauche. 571
hinreichend abgcfcrtigt zu haben vermeinte, daß er sie außerhalb denHorizont derselben verwies, den er doch nicht bestimmen konnte. Erhielt sich vornehmlich bei dem Grundsätze der Causalität auf undbemerkte von ihm ganz richtig, daß man seine Wahrheit, (ja nichteinmal die objcctive Gültigkeit des Begriffs einer wirkenden Ursacheüberhaupt) auf gar keine Einsicht d. i. Erkcnntniß » priori fuße,daß daher auch nicht im Mindesten die Nothwendigkeit dieses Ge-setzes, sondern eine blose allgemeine Brauchbarkeit desselben in demLaufe der Erfahrung und eine daher entspringende subjektive Noth-wendigkeit, die er Gewohnheit nennt, sein ganzes Ansehen aus-mache. Aus dem Unvermögen unserer Vernunft nun, von diesemGrundsätze einen über alle Erfahrung hinausgehcnden Gebrauch zumachen, schloß er die Nichtigkeit aller Anmaßungen der Vernunftüberhaupt über das Empirische hinaus zu gehen.
Man kann ein Verfahren dieser Art, die Iscta der Vernunftder Prüfung und nach Befinden dem Tadel zu unterwerfen, dieCensur der Vernunft nennen. Es ist außer Zweifel, daß dieseCensur unausbleiblich auf Zweifel gegen allen transsccndenten Ge-brauch der Grundsätze führe. Allein dies ist nur der zweite Schritt,der noch lange nicht das Werk vollendet. Der erste Schritt inSachen der reinen Vernunft, der das Kindcsaltcr derselben aus-zcichnet, ist dogmatisch. Der eben genannte zweite Schritt istskeptisch, und zeugt von Vorsichtigkeit der durch Erfahrung ge-witzigten Urteilskraft. Nun ist aber noch ein dritter Schritt nöthig,der nur der gereiften und männlichen Urtheilskraft zukommt, welchefeste und ihrer Allgemeinheit nach bewährte Maximen zum Grundehat; nämlich nicht die kaeta der Vernunft, sondern die Vernunftselbst nach ihrem ganzen Vermögen und Tauglichkeit zu reinen Er-kenntnissen a priori der Schätzung zu unterwerfen; welches nichtdie Censur, sondern Kritik der Vernunft ist, wodurch nicht blosSchranken, sondern die bestimmten Grenzen derselben, nichtblos Unwissenheit an einem oder anderen Theil, sondern in Anse-hung aller möglichen Fragen von einer gewissen Art, und zwarnicht etwa nur vermuthct, sondern aus Principien bewiesen wird.