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2 (1838) Immanuel Kant's Kritik der reinen Vernunft
Entstehung
Seite
557
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Die Diftiplin der reinen Vernunft im polem. Gebrauche. 5,57

scheuen. Aber die reine Vernunft in ihrem dogmatischen (nichtmathematischen) Gebrauche ist sich nicht so sehr der genauesten Be-obachtung ihrer obersten Gesetze bewußt, daß sic nicht mit Blodigkeit,ja mit gänzlicher Ablegung alles angcmaßten dogmatischen Ansehensvor dem kritischen Auge einer höheren und richterlichen Vernunfterscheinen müßte.

Ganz anders ist es bewandt, wenn sie cs nicht mit dcrCcnsurdes Richters, sondern den Ansprüchen ihres Mitbürgers zu thunhat und sich dagegen blos vertheidigen soll. Denn da diese eben sowohl dogmatisch sein wollen, obzwar im Verneinen, als jene imBejahen, so findet eine Rechtfertigung xr-r Statt, die

wider alle Beeinträchtigung sichert und einen titulirtcn Besitz ver-schafft, der keine fremde Anmaßungen scheuen darf, ob er gleichselbst xc-r?' nicht hinreichend bewiesen werden kann.

Unter dem polemischen Gebrauche der reinen Vernunft versteheich nun die Vertheidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Vernei-nungen derselben. Hier kommt es nun nicht darauf an, ob ihreBehauptungen nicht vielleicht auch falsch sein möchten, sondern nur,daß Niemand das Gegentheil jemals mit apodiktischer Gewißheit, (jaauch nur mit größerem Scheine) behaupten könne. Denn wir sindalsdcnn doch nicht bittwcise in unserem Besitz, wenn wir einen,obzwar nicht hinreichenden Titel derselben vor uns haben, und csvöllig gewiß ist, daß Niemand die Unrcchtmäßigkcit ihres Besitzesjemals beweisen könne.

Es ist etwas Bekümmerndes und Nicderschlagcndes, daß esüberhaupt eine Antithetik der reinen Vernunft geben und diese, diedoch den obersten Gerichtshof über alle Streitigkeiten vorstellt, mitsich selbst in Streit gerathen soll. Zwar hatten wir oben eine solchescheinbare Antithetik derselben vor uns; aber es zeigte sich, daß sicauf einem Mißverstände beruhte, da man nämlich, dem gemeinenVorurtheile gemäß, Erscheinungen für Sachen an sich selbst nahmund dann eine absolute Vollständigkeit ihrer Synthesis, auf eineoder andere Art, (die aber auf beiderlei Art gleich unmöglich war,)verlangte, welches aber von Erscheinungen gar nicht erwartet werden