' Die Antinomie der reinen Vernunft. 331
DMnft, nämlich eine ganz natürliche Antithctik, auf die Keiner zugrübeln und künstliche Schlingen zu legen braucht, sondern in welche^ Vernunft von selbst und zwar unvermeidlich gerätst, und da-durch zwar vor dem Schlummer einer eingebildeten Ucbcrzcugung,dm ein blos einseitiger Schein hcrvorbringt, verwahrt, aber zugleichin Versuchung gebracht wird, sich entweder einer skeptischen Hoff-nungslosigkeit zu überlassen oder einen dogmatischen Trotz anzuneh-men und den Kopf steif auf gewisse Behauptungen zu setzen, ohnedm Gründen des Gegenthcils Gehör und Gerechtigkeit widerfahrenzu lassen. Beides ist der Tod einer gesunden Philosophie, wiewohljener allenfalls noch die Euthanasie d. i. Ehrentod der reinenVernunft genannt werden könnte.
Ehe wir die Auftritte des Zwiespaltes und der Zerrüttungensehen lassen, welche dieser Widerstreit der Gesetze (Antinomie) derreinen Vernunft veranlaßt, wollen wir gewisse Erörterungen geben,welche die Methode erläutern und rechtfertigen können, deren wiruns in Behandlung unseres Gegenstandes bedienen. Ich nenne alletransscendentale Ideen, so fern sie die absolute Totalität in derSynthesis der Erscheinungen betreffen, Wcltbegriffc, theils we-gen eben dieser unbedingten Totalität, worauf auch der Begriff desWeltganzen beruht, der selbst nur eine Idee ist, theils weil sielediglich auf die Synthesis der Erscheinungen, mithin die empirischegehen, da hingegen die absolute Totalität in der Synthesis der Be-dingungen aller möglichen Dinge überhaupt ein Ideal der reinenVernunft veranlassen wird, welches von dem Weltbegriffe gänzlichunterschieden ist, ob es gleich darauf in Beziehung steht. Daher,so wie die Paralogismcn der reinen Vernunft den Grund zu einerdialektischen Psychologie legten, so wird die Antinomie der weinenVernunft die transscendentalcn Grundsätze einer vermeinten reinen(rationalen) Kosmologie vor Augen stellen, nicht um sie gültig zufinden und sich zuzueigncn, sondern, wie es auch schon die Benen-nung von einem Widerstreit der Vernunft anzcigt, um sie als eineAee, die sich mit Erscheinungen nicht vereinbaren läßt, in ihremblendenden, aber falschen Scheine darzustellen.