Druckschrift 
10 (1897) Geschichte der Juden von der dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland (1618) bis zum Beginne der Mendelssohn'schen Zeit (1750)
Entstehung
Seite
321
Einzelbild herunterladen
 

Urtheil über Chajons ketzerische Schrift.

321

ihm, ein Mitglied des Portugiesischen Vorstandes, den entschiedenen,unbeugsamen, harten, für innere Fragen gleichgültigen Ahron dePinto gegen den deutschen Chacham einzunehmen, ihm beizubringen,daß es sich darum handle, die Unabhängigkeit der alten, angesehenen,überlegenen, portugiesischen Gemeinde gegenüber der Anmaßung derbisher untergeordneten deutschen zu wahren, mit einem Worte, diewichtige Frage über Rechtgläubigkeit und Ketzerei in eine Rangfragezwischen den verschiedenen Gemeindegruppen umzukehren. Fußfällig sollder Chacham Ayllon diesen Vorsteher angefleht haben, ihm gegen dieihm und mit ihm zugleich seiner Gemeinde zngefügte Schmach beizn-stehen. De Pinto behandelte auch diese Angelegenheit in diesem Sinn,und die übrigen Vorstandsmitglieder fügten sich seinem entschiedenenWillen. Fest und stramm wies er sofort jede Einmischung desdeutschen Chacham in diese scheinbar Portugiesische Gemeindeangelegen-heit ab, brach jede Unterhandlung mit ihm ab und beauftragte Ayllon,eine Prüfungskommission aus Portugiesen zusammen zu setzen, dieüber Chajon's Schrift ein officielles Gutachten abzugeben habe. Ayllonzog zu dem Rabbinatscollegium (nächst ihm selbst der greise DavidAben-Atar Melo und Samuel Zarfati) noch vier Personenhinzu: David Israel Athias, Salomo Abrabauel Sousa,Salomo de Mesa, einen talmudkundigen Arzt, und Dav id Mendesda Silva. Nur ein Einziger von diesen zugezogenen Mitgliedern(de Mesa?) verstand etwas von dieser Frage und überhaupt von derKabbala, und dieser weigerte sich Anfangs beizutreten und mußteförmlich dazu gezwungen werden. Die Uebrigen dagegen waren inder Theologie vollständig unwissend und demgemäß von Ayllon's Ur-theil abhängig. Der Vorstand, d. h. de Pinto, vereidete gemeinschaft-lich mit Ayllon die Commissionsmitglieder, die ihnen zur Prüfungübergebenen Exemplare der Chajon'schen Schrift Niemanden sehen zulassen und überhaupt bis zum Schlußurtheil Alles geheim zu halten.Die kleinliche Streitfrage über Zulassung oder Ausweisung eines aben-teuernden Bettlers erhielt dadurch eine große Wichtigkeit *).

Während die portugiesische Commission scheinbar noch dem Prüfungs-geschäfte oblag, beeilte sich Chacham Zewi im Vereine mit MoseChages (Ende Tammus 23. Juli 1713) den Bann über Chajonund sein ketzerisches Buch auszusprechen:weil er Israel von seinemGotte abzuziehen und fremde Götter (Dreieinigkeit) einzuführen ver-suchte". Niemand dürfe mit dem Verfasser verkehren, bis er seineIrrlehre widerrufen habe; seine Schrift sollte jedenfalls dem Feuer

i) S. über Alles Note 6.

Graetz, Geschichte der Juden. X.

21