Druckschrift 
10 (1897) Geschichte der Juden von der dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland (1618) bis zum Beginne der Mendelssohn'schen Zeit (1750)
Entstehung
Seite
290
Einzelbild herunterladen
 

290

Geschichte der Juden.

kindische Greise geworden. Alles, was die Gesammtheit Oeffentliches,so zu sagen Geschichtliches geleistet hat, trägt diesen Charakter derAlbernheit, wenn nicht gar der Verächtlichkeit. Nicht eine einzige er-freuliche Erscheinung, kaum eine achtunggebietende Persönlichkeit, diedas Judenthum würdig vertreten und zur Geltung bringen konnte.Aus der vorhergehenden Zeit ragte noch der geistesstarke, ganze Mann,Isaak Orobio de Castro hinüber (st. 1687), der ehemalige Sträf-ling der Inquisition, dessen Ueberzeugungstreue, innere und äußereHaltung und scharfgeschliffene Dialektik, die er gegen das Christenthumkehrte, hervorragenden Gegnern des Judenthnms Achtung geboten hat.Er hat keinen ebenbürtigen Nachfolger in der gebildetsten AmsterdamerGemeinde, und um so weniger außerhalb derselben gefunden, wo dieBedingungen zu einer selbstständigen, von der Cultnr getragenenjüdischen Persönlichkeit gänzlich fehlten. Die Führer der Gemeindewaren meistens irre geleitet, wandelten wie im Traume und straucheltenbei jedem Schritte; nur wenige Rabbinen befaßten sich mit ander-weitigem Wissen außer dem Talmud oder betraten selbst in diesemStudium eine neue Bahn; die Ausnahmen lassen sich zählen. Es ge-hörten allenfalls dazu: der deutsche Rabbiner Jair Chajim Bachrachin Worms und Frankfurt a. M. (geb. 1628 st. 1702 ^), der Mathematikverstanden und den Talmud nicht schlendrianmäßig behandelt hat.Eine selbstständige, die blinde Autorität verachtende Persönlichkeitwar ferner der ans Italien nach Jerusalem gewanderte portugiesischeRabbiner Chiskija da Silva (geb. um 1659 st. um 1698^).Ein junger Stürmer, der kaum vierzig Jahre alt wurde, von erstaun-licher Gelehrsamkeit und großem Scharfsinn, kämpfteer, ähnlich Sal omonLurja, gegen übertriebene, nicht im Talmud begründete Erschwerungenspäterer Autoritäten mit vielem Freimuth. Er verletzte dadurch dieAlltagsrabbinen, welche über den Ursprung des Herkömmlichen liebergar nicht Nachdenken mochten, und seine rabbinischen Schriften wurdenin Kairo in den Bann gethan und vernichtet. Ein gebildeter Rab-

sVergl. über Bachrach: L. Lewysohn, Epitaphien von Worms No. 38und jetzt D. Kaufmann's BuchR. Jair Chajjim Bachrach und seineAhnen/' Trier 1894 (VIII und 139 S. 8).)

9 Gebnrts- und Todesjahr da Silvas sind bisher nicht ermittelt; vergl.seine Biographie von Frankel, Orient. Ltbl. 1848 ool. 492 fg. Und Berich-tigungen von Zipser das. aol. 667 fg. Beides ergiebt sich aus folgenderCombination. Da Silvas Sohn, David d. S., sagt im Vorwort zur erstenEd. des rrn Vin 'ir (Const. 1706): daß kurz nach dem Tode seines Vaters auchsein Großvater mütterlicherseits Mardocha'i Maleachi gestorben sei. In N.Chajons, des sabbatianischen Ketzers, polemischer Schrift (.na-> ist ein Schreibeneiniger Jerusalemer gegen Mose Chagis abgedruckt (s. Note 6), ä. ä.