Mnstes Kapitel.
Die Wühler.
Die Entstellung und Verkümmerung. Kabbalistische Schwindeleien. Vital Kala-brese. Israel Saruk, Abraham de Herrera, Jesaia Hurwitz. Die Zweifler:Jmanuel Aboab; Uriel da Costa, sein Lebensgang und sein Tod. LeonModena, sein Charakter und seine Schriften. Debora Ascarelli und SaraCopia Sullam, jüdische Dichterinnen. Leon Modena's innerer Kampf undäußere Schwankungen. Joseph Delmedigo, seine Reisen und sein Charakter.Simon Luzzato und seine Schriften.
( 1620 — 1660 )
Das dreitausendjährige Judeuthum glich damals — wie solltees auch anders? — einem edlen Kerne, der von übereinandergeschich-teten Krusten, abgelagerten Versteinerungen, fremdartigen Ansätzen undUeberzügen durchweg so verhüllt und verdeckt war, daß ihn nur Wenige,sehr Wenige herauserkannten. Die sinaitischen und prophetischen Kern-gedanken waren längst schon von dreifachen Schichten sopherischer,mischnaitischer und talmndischer Auslegungen und Umzäumungen über-deckt. Darüber hatten sich im Laufe der Jahrhunderte neue Lagenaus der Zeit der gaonäischeu, spanischen, französischen, deutschen undpolnischen Schulen gebildet, und diese Lagen und Schichten wurdenvon einer häßlichen Kruste, von einem pilzartigen Gebilde, einemSchimmelüberzug umschlossen, von der Kabbala, die sich nach und nachin Ritzen und Lücken einnistete, dort fortwucherte und sich verästelte.Alle diese neuen Gebilde hatten bereits die Autorität des Alters fürsich und galten als unantastbar. Man fragte im Allgemeinen nichtmehr: was lehrte das sinaitische Grundgesetz, worauf haben die ProphetenGewicht gelegt? Man beachtete kaum, was der Talmud als wesentlichoder unwesentlich aufstellte, sondern die rabbinischen Autoritäten allein,in letzter Instanz Joseph Karo und Mose Jsserles, entschieden,was Judenthum sei. Dazu kamen noch die Zusätze der PolnischenSchule und endlich die kabbalistischen Träumereien Isaak Lurja's.Gerade diese Schmarotzerpflanze überwucherte in dieser Zeit das ganzereligiöse Leben der Juden. Fast sämmtliche Rabbinen und Führer der
Graetz, Geschichte der Juden. X. 8