Druckschrift 
10 (1897) Geschichte der Juden von der dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland (1618) bis zum Beginne der Mendelssohn'schen Zeit (1750)
Entstehung
Seite
6
Einzelbild herunterladen
 

6

Geschichte der Juden.

In dieser durch die stete Rückerinnerung an die überstandenenLeiden und Marter gehobenen Stiuimuug gründeten die Mitgliederder Amsterdamer Gemeinde Wohlthätigkeitsanstalten aller Art mitvollem Herzen und reicher Hand, Waisenhäuser, Unterstützungsgesell-schaften (liormanäaäes), Hospitäler, wie sie in keiner der ältern Ge-meinden vorhanden waren. Sie hatten Mittel und den rechten Sinndafür. Ihre Frömmigkeit äußerte sich in Mildthätigkeit und Edel-sinn. Indessen, wie gehoben auch ihre Stimmung war, so waren siedoch Menschen mit Leidenschaften, und darum stellten sich auch Zwistig-keiten in der jungen Gemeinde ein. Viele Mitglieder, im Katholicismusgeboren und erzogen, brachten ihre katholischen Anschauungen undGewohnheiten mit und behielten sie bei; sie glaubten sie mit demJudenthum vereinigen zu können:Kann Jemand Kohlen in seinemSchooße tragen, ohne daß seine Kleider davon versengt werden?"Von Kindesbeinen an hatten die Marranen gehört und gesehen, daßman sündigen dürfe, wenn man sich nur von Zeit zu Zeit mit derKirche aussöhnt. Dazu waren eben die katholischen Priester in allenRangstufen da, um die Sündenvergebung zu vollziehen und die einstigenHöllenstrafen durch kirchliche Mittel von den Sündern abzuwendeu.In den Angen der meisten Marranen vertraten die Riten und Cerc-monien des Judenthums die Stelle der katholischen Sakramente unddie Rabbiner die der Priester und Beichtväter. Sie glaubten, wennman die jüdischen Riten gewissenhaft befolge und zum Ueberfluß nochDieses und Jenes thue, so dürfe man dem Antrieb der Begierdennachgeben, ohne seines Seelenheiles verlustig zu gehen. Allenfallskönnten die Rabbiner Absolution ertheilen. Der Lebenswandel derAmsterdamer Marranen war daher weit entfernt, geläutert zu sein,namentlich im Punkte der Keuschheit. Die ersten beiden Rabbiner derAmsterdamer Gemeinde Joseph Pardo und Juda Bega drücktenunter Berücksichtigung der Umstände ein Auge gegen die Schwächenund geschlechtlichen Vergehungen zu. Der Dritte, Isaak Usiel,hielt aber nicht mehr an sich, geißelte vielmehr mit unerbittlichem Eifervon der Kanzel die üblen Gewohnheiten der Halbjuden und Halb-katholiken. Diese Strenge verletzte die Betroffenen; aber anstatt insich zu gehen, grollten sie dem strengen Prediger, und mehrere verließenden Verband und die Synagoge und thaten sich zusammen, eine neue(dritte) zu gründen (1618). An der Spitze der Ausgetretenen standDavid Osorio; er mag sich am meisten von Usiels Strafpredigtenverletzt gefühlt haben. Für die neue Synagoge (6st Israel), welchedie Ansgetretenen errichtet hatten, wählten sie zum Rabbiner undPrediger David Pardo, Joseph Pardo's Sohn. Dieser entschuldigte