Samuel Holdheim.
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den höchsten, die Gemüthsseite des Geistes dagegen nur einen unter-geordneten Werth habe. So heimisch er in den gewundenen Gängendes Talmud war, ebenso fremd war er bis zu seinem reifen Alterin der Bibel und in wissenschaftlichen Fächern. Seine erste Fra», dieTochter eines Rabbiners, der in ihm einen Talmudisten erstenRanges erobert zu haben glaubte, brachte ihm erst Geschmack fürdie deutsche Litteratur bei. Sie, die bereits Romane gelesen hatte,schämte sich des jungen Gatten, der kaum Deutsch zu lesen verstand.Diese in vorgerückterem Alter erlangte oder angeflogene Bildung ihresGatten brachte ihr aber kein Glück. In kurzer Zeit eignete er sich
so viel allgemeines Wissen an, daß er spottend auf seine Lehrerinherabsehen konnte. Zerwürfnisse, die mit einem Schleier verhüllt bleibenmögen, traten in seiner Ehe ein, die Scheidung erfolgte. Holdheimwar frei und konnte sich dem Zuge überlassen, sich der wissenschaftlichenAusbildung zuznwenden.
Wie Salomon Maimon, setzte sich Holdheim, der bereits einenSohn hatte, ans die akademische Schulbank in Prag, mit Ueberspringungder Zwischenstufen. Alles, was ihm die philosophischen Hörsäle in derdamals nicht sehr hervorragenden Universität boten, war ihm neu, über-raschte, blendete ihn und brachte eine Währung in seinem Geiste hervor.In raschem Fluge erhaschte sein Geist diejenigen Wissenselemcnte, diemit dem von ihm bis dahin angesammelten Stoffe Verwandtschafthatten: die alltägliche in Oesterreich unter Metternich geduldete Philo-sophie und die christliche Theologie. Für grundlegende, geistbildendeund regelnde Fächer, für Mathematik, Geschichtskunde, klassische undschöne Litteratur hatte er kein Verständniß, und auch die ihm zu-sagenden Fächer mußte er sich gewissermaßen erst talmudisch zurechtlegen, wie er denn die akademischen Vorlesungen mit hebräischen Schrift-zügen nachschreibe» mußte, weil ihm die deutsche Schrift nicht so geläufigvon der Hand ging. Holdheim's Wissen blieb daher stets Stückwerkund hatte vielfache Lücken. Er war aber reif und praktisch genug,um sich ganz besonders auf nützliche Studien zu verlegen, auf Aus-bildung seines von Hause aus verwahrlosten unschönen Styles und aufAneignung von Kanzelberedtsamkeit. Wegen seiner dürftigen Lagemußte er ein Brodstudium treiben und konnte seine Zeit nicht mitLieblingsfächern vertändeln. Er war darin praktischer als SalomonMaimon, der ebenfalls mit einem Satze vom Talmud in die Philo-sophie gesprungen und dabei geblieben war, und der, weil er keinBrodstudium treiben mochte, sein Leben lang ein Bettler geblieben war.Die Bibel selbst, die für Holdheim bis dahin ein verschlossenes Buchgewesen war, oder die er nur durch die talmudische Brille angesehen
Graetz, Geschichte der Juden. XI. 33