Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
372
Einzelbild herunterladen
 

Blicke und klarer Einsicht die in der großen Wandelung der Zeiteneingetretenen Entstellungen hätten erkennen und vom Wesenhaften los-losen können. Die häßlichen Formen mit sanfter Hand durch allmählicheUebergänge, ohne die Gemüther zu verletzen, zu beseitigen, dazu wäreeine ganz besonders geistig veranlagte Persönlichkeit, ein Mose Maimunioder ein Moses Mendelssohn mit mehr Thatkraft nöthig gewesen.Ein solcher war aber nicht vorhanden. Es fehlte überhaupt in derUebergangszeit an Männern von klarem Bewußtsein und anerkanntemAnsehen. Auch eine Vertretung der Gesammtjndenheit gab es nicht.Es gab allerdings ein Organ, das eine Art offiziellen Charakters undeine gewisse Autorität besaß oder sich hätte erringen können: dasfranzösische Sanhedrin und Consistorium. Aber seine Haupt-träger, David Sinzheim, Abraham di Cologna und ihre Nachfolgerhatten nicht die erforderliche Einsicht für die Verjüngung des Juden-thnms. Sinzheim war im Grunde doch nur Stocktalmudist und diCologna lediglich ein angenehmer Prediger. Diese nothwendige Reform,nicht an Haupt und Gliedern denn weder die Führer noch dieEinzelnen hatten durch die Entstellung des Judenihums an Sittlichkeiteingebüßt sondern nur zur Verschönerung der Außenseite und Be-seitigung der Auswüchse, fand daher nicht die rechten Männer, sie indie Hand zu nehmen und einzuführen. Da die Männer fehlten, über-nahm die Zeit diese Arbeit, und dadurch entstanden Kämpfe undZuckungen. Es sollte dem Judenthum nicht leicht werden, sich zu häuten.

Die Wandlung des Judenthnms, welche die Zeit herbeiführensollte, ging wie die der Juden von Deutschland ans. Der deutschenJudenheit war, weil Mendelssohn aus ihrem Schooße hervorgegangenwar, dieselbe Aufgabe zngefallen, welche früher die alexandrinischeji undspanischen, zum Theil auch die Provenaalischen Juden gelöst hatten:die Versöhnung des Judenthums mit der Kultur zu vermitteln. Aberals diese Vermittelung in Angriff genommen wurde, war die Lagebereits verschoben, und die Art und Weise, wie sie ausgeführt wurde,hat die Lage noch schiefer gemacht. Durch die Kämpfe, welche dieJuden in Deutschland um ihre bürgerliche Erhebung ans der Niedrig-keit zu bestehen hatten, als sie um jeden Fußbreit Befreiung die ver-zweifeltesten Anstrengungen machen mußten, auf jedem Schritte demHohn und der Zurücksetzung begegneten, immer wieder in ihre niedrigeStellung zurückgeworfen und an ihre Entwürdigung gemahnt wurden,kamen zwei gleich unerfreuliche Erscheinungen zu Tage. Diejenigen,welche durch Schönheitssinn gehoben waren, schwammen mit dem Stromund entfremdeten sich dem Judenthnm; wenn sie sich nicht ganz undgar davon lossagten, so verachteten sie es gründlich, weil es ihrem