Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
371
Einzelbild herunterladen
 

Gestaltung des Judenthums.

871

mochte ihn auch deswegen nicht ablegen, weil es stets neuer Kämpfegewärtig war. Auf sich selbst angewiesen und von der Außenweltabgestoßen, besonders seit dem Jahrhundert der Vertreibung seinerBekenner aus Spanien und Portugal und seit der gleichzeitigen Aus-weisung aus vielen deutschen Gebieten, hatte es sich in eine eigene Traum-welt eingesponnen und in sein Denken und seine Phantasie Zauber-formeln ausgenommen, nm die, Schmerzensqualen, die seine Bekennererdulden mußten, zu betäuben, leichter ertragen oder gar vergessenmachen zu können. Plötzlich wurden seine Söhne durch einen stechendenSonnenstrahl ans dem Traume geweckt und erblickten eine Wirklich-keit, die sie fremd anstarrte. Fester schlossen sie anfangs die Augen,um die angenehmen Traumbilder nicht zu verlieren. Sie konnten sichanfangs in der neuen Zeit und der neuen Lage nicht zurecht findenund fürchteten, daß dieses nur eine Versuchung oder eine neue Kampfes-art sei, welche der alte Feind in anderer Weise gegen das Judenthumanzuwenden gedächte.

Es war seinem Gedächtniß entschwunden, daß ans seiner langenWeltfahrt und in seiner Völkerschau das Judenthum trotz seinerAbgeschlossenheit Verkehrtheiten angenommen, und sie seinem Wesenso einverleibt und weiter ansgebildet hatte, als wenn sie ihmursprünglich und nreigenthümlich gewesen wären.- Sein Gedächtnißwar durch Verfolgung und Marter geschwächt worden; auch seineDenkkraft hatte durch die täglich zunehmenden Leiden ein weniggelitten. Es konnte sich anfangs nicht sammeln, sich nicht prüfen, umdas Fremde und Unangemessene vom Eigenen und Wesentlichen zuunterscheiden und auszuscheiden. Unter den deutschen Inden hatte dasJudenthum durch die Aufnahme des verwilderten, polnischen Wesenseinen barbarischen Anstrich und unter den portugiesischen und italienischenInden durch Isaak Lurja und Chajim Vital ein kabbalistisches Ge-präge angenommen. Diese Entstellungen des Judenthnms traten ganzbesonders bei allen Vorkommnissen des religiösen Lebens ans Licht,beim Gottesdienste, bei den Predigten, bei Hochzeiten, Leichenbegäng-nissen, kurz gerade bei den in die Angen fallenden Anlässen. Geradedie officicllen Vertreter und Ausleger des Judenthnms, die Rabbinenund Psleger des Gottesdienstes, erschienen meistens in abschreckenderKnechtsgestalt, entweder als Halbwilde oder als Geisterseher. Diefremdartigen Ansätze und Auswüchse, den Schimmel, der sich nm denGrundstock angesammelt hatte, betrachteten diese Hanptträger des Juden-thums als sein ureigenes Wesen. Noch hatte die Zeit keine Männergereist, die mit feinfühligem Verständniß für den Kern des Juden-thnms, wie es sich in Bibel und Talmud ausgeprägt hat, »nt weitem

24 »