Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
308
Einzelbild herunterladen
 

308

Geschichte der Juden.

Juden. Aus falschem Nationalgefühl, falscher Religiosität, aus Hoch-muts Neid, Furcht und anderen dunklen Gefühlen entwickelte sich eingiftiger Judenhaß, der, von Außen betrachtet, lächerlich erschien, imInnern, aber eine blutige Katastrophe ahnen ließ, als sollten die Judendafür bestraft werden, daß sie einige Sonnentage genossen hatten.

Als die Franzosen durch eine kräftige Bewegung ihre Fesselnsprengten, kehrte sich ihr Groll gegen die Mächtigen, die Deutschendagegen wandten ihn gegen die Schwächsten der Schwachen, gegendie Juden. Und gerade in den höheren, gebildeten Gesellschafts-schichten wurzelte dieser leidenschaftliche Ingrimm gegen sie, die^ niedrigen Volksklassen mußten erst künstlich dazu anfgestachelt werden.Weil James von Rothschild bei der ersten Kunde von der Schlachtbei Waterloo auf einem zerbrechlichen Nachen unter Sturm und Un-wetter sich nach London rudern ließ, dort ein glänzendes Geschäftmachte und sein Haus zur ersten Geldmacht in Europa erhob, dafürsollten sämmtliche Juden büßen. Ein unbeschäftigter Arzt und Dichterling,Karl Boromäus Alexander Sessa, in Breslau, hatte eine PosseDie Judenschnle" gedichtet, die so widerlich und geschmacklos ist,^ daß das Stück bei der ersten Aufführung (gegen Ende 1812) ausge-psiffen wurde. Als aber die Deutschthümelei begann', sich im Juden-haß Luft zu machen, wurde die Posse wieder hervorgesncht und machtevolle Kassen, weil alle darin auftreteuden Personen Juden sind, die inhäßlicher, verdorbener Mundart sprechen, eine niedrige Gesinnung zeigenund sich wunderlich geberden. Man drängte sich zu den Theatersitzenund klatschte rasenden Beifall./Die gebildeten Juden waren tief ver-letzt. Sie hatten eben ihr Blut für das Vaterland verspritzt, hattenzum Theil ihr geistiges Erbe aufgegeben, um sich den Christen zu nähern,und doch wurden sie zur Zielscheibe des Spottes genommen. DerRuf davou verbreitete sich, das Stück sollte auch in Berlin aufgeführtwerden. Die lächerlichste jüdische Figur sollte vom Schauspieler Wurmgespielt werden, der in der niederen Komik Meister war. Jacobson,der seit dem Erlöschen des Königreichs Westphalen nach Berlin ge-zogen war und hier mit einigen Staatsmännern in Verbindung stand,eilte zum Kanzler Hardenberg und bewirkte, daß das Stück vor Be-ginn der Theaterzeit verboten wurde (1. Juli 1815). Aber dastheaterbesuchende Publikum verlangte, dadurch nur noch gereizt, anjedem Abend stürmisch die Zulassung der Posse, es wollte sich an derVerspottung der Juden weiden. Die Behörde gab nach, daß es unterdem TitelUnser Verkehr" gespielt wurde (1. Sept.). Wurm, dergroße Wurm,jeder Zoll ein Lump", wie ihn Heine schildert, gabdie lächerlichste jüdische Figur und erntete den rauschendsten Beifall.