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11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
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Geschichte der Juden.

den Talmud oder richtiger auf die Gesetze von Mein und Dein ange-wendet, überwucherte in Polen alle übrigen Seelenkräfte. Die religiösenPflichtvorschriften waren bei den Talmudbeflissenen wie bei den Un-wissenden zu gedankenlosen Uebungen und das Gebet zu einem bloßenLippenwerk herabgesnnken. Den Gemüthsmenschen war diese Trocken-heit des Talmudstudiums, die daraus entstandene Disputirsucht undRechthaberei und der Stolz der Rabbinen widerwärtig, und sie warfensich in die Arme des neuen Ordens, welcher der Phantasie unddem Gefühlswesen so viel Spielraum einräumte. Ganz besonderswar es die Klasse der Prediger, jener Halbtalmudisten, welche vonden talmudisch geschulten Rabbinen als unebenbürtig mit Verachtung an-gesehen und behandelt wurden und ein kümmerliches Auskommen hattenoder gar am Hungertuche nagten, die sich dem Nenchaßidäerthum zu-wendete, weil sie dort ihr Predigertalent verwerthen konnte, eineEhrenstellung erhielt und vor Noth geschützt war. Durch solche Elementevergrößerte sich der Kreis der Neuchaßidäer täglich mehr. Fast injeder Stadt gab es Anhänger desselben, welche, wie gesagt, mit denGesinnungsgenossen und dem Oberhaupt von Zeit zu Zeit in Ver-bindung traten.

Die Antipathie der Neuchaßidäer gegen die Rabbinen und Talmud-beflissenen nahm mit ihrer Erstarkung immer mehr zu. Die Trocken-heit, Gemüthlosigkeit und Haarspalterei des Talmudstudiums und seinerPfleger wurde das Stichblatt des Spottes in den chaßidäischen Kreisen.Der Talmud, dieses Alles in Allem in Polen zu dieser Zeit, wurdevon ihnen vernachlässigt und nur jener untergeordnete Theil desselbengepflegt, welcher Stoff und Anhaltspunkte für Predigten lieferte. EinJünger Beers, Löb Szerham, äußerte sich:Ich habe Beer inMizricz nicht ausgesucht, um von ihm Thora, neue talmudische Aus-klügelungen, zu hören, sondern um zu sehen, wie er seine Schuheauszieht und bindet; das ist viel wichtiger. Was ist Thora? derMensch muß selbst Thora sein, in seinen Handlungen, Bewegungen,seinem Sprechen, seinem Betragen und seiner Verbindung mit Gott(durchs Gebet)." In der kabbalistischen Litteratur fanden die ChaßidäerBelege genug, daß das Talmudstudium neben der höhern mystischenWeisheit keine Wichtigkeit habe. Mose de Leon und Isaak Lurjaoder Chajim Vital hatten diese Lehre Z deutlich genug gepredigt. Ausdem Sohar entnahmen sie einen Spitznamen für die Talmudbeflisseneu:Vom Teufel erfüllte jüdische Weise (Lollsäru ckslruäa'ill)." Sie,wie die Sabbatianer und Frankisten, sprachen ihnen den rechten Glauben

i) S. Bd. VII, S. 21» und Bd. IX, Note 9, S. 57».