Das englische Parlament über die Judenfrage. 47
würden, mit den Bürgern gleichgestellt, den ganzen Reichthnm desLandes an sich ziehen, sämmtliche Ländereien erwerben und die Christenenterben; diese würden ihre Sklaven sein, und die Inden würden ihreHerrscher und ihre eignen Könige wählen. Die dumme Bibelgläubig-keit sagte: sie müßten nach dem Spruch der christlichen Prophe-zeihungen ohne Vaterland bleiben, bis sie in das Land ihrer Vätereingesammelt werden würden. Ueberraschend genug wurde die Billdoch vom Oberhause genehmigt, daß alle Juden, welche ununter-brochen drei Jahre in England oder Irland ihren Aufenthalt haben,naturalisirt sein sollten; nur dürften sie kein weltliches oder geistlichesAmt bekleiden und nicht das Wahlrecht für das Parlament ausüben.Die Lords und Bischöfe waren also nicht gegen die Juden eingenommen.Auch die Mehrheit des Unterhauses stimmte der Bill zu, und derKönig Georg II. erhob sie zum Gesetz (März 1753). War derBeschluß der drei Gesetzesfactoren wirklich der Ausdruck der Volks-majorität? Das wurde sofort zweifelhaft. Denn alsbald ertönte vonden Kanzeln, aus den Zünften und Schankhäusern Verwünschung gegendas Ministerium, welches die Naturalisation der Inden durchgesetzthatte. Unsere Zeit wird es kaum glaublich finden, daß die LondonerKaufmannschaft von dem Zuzug der jüdischen Capitalisten den Ruinihres Geschäftes befürchtet hat. Ein Geistlicher, der Decan Tucker,welcher sich der Juden angenommen und das Naturalisationsgesetz ver-theidigt hatte, wurde von der Opposition im Parlamente, in Zeitungenund Flugschriften geschmäht, und sein Bild nebst seiner Schutzschriftzu Gunsten der Juden wurde in Bristol verbrannt. Zum Verdrusseder Bessergesinnten hatte das Ministerium die Schwäche, dem ausBrodneid und fanatischer Unduldsamkeit entsprungenen Schrei desPöbels nachzugeben und sein eigenes Werk aufzuheben (1754), „weildadurch das Mißvergnügen erregt und die Gemüther vieler königlichenUuterthauen beunruhigt worden sind". Da selbst die heftigsten Feindedes Gesetzes den Juden Englands nichts Böses nachsagen konnten,diese vielmehr vermöge ihrer ohne Wucher erworbenen Reichthümerund ihrer edelmännischen Haltung den Engländern selbst imponirten,so nahm die öffentliche Meinung warm Partei für sie und ihre
in Deutschland, S. 239; Friede. Rühs, die Rechte des Christenthums und desdeutschen Volkes, S. 14; Larliainentar^ iüstor^ anä rsvisvs (lnrinA tbeSession oll 825—1826, n>o ein Mitglied (LxriuA Lies) mittheilt, daß die Gründe,welche gegen die Emancipation der Katholiken in England geltend gemachtwurden, dieselben sind, die ehemals gegen die Juden aufgeführt wurden; (UmrissLson, tbs Statuts ol tbs lervs in Lnslancl, n. 33 s.; H. Heine, englischeFragmente, ges. Schr. III, S. 128.