Druckschrift 
4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
Entstehung
Seite
350
Einzelbild herunterladen
 

350

Geschichte der Juden

von Vergehen und Entstehen der Völker drängte sich den jüdischenDenkern die volle Ueberzengnng von der Ewigkeit der jüdischen Nntionauf:Ein Volk steht ans, das andere verschwindet, aber Israel bleibtewig" ^). Ans den Trümmerstätten des römischen Reiches ließen sichdie barbarischen Völker, die Rächer der so lange geknechteten Nationennieder, wilde Pflanzen, die erst von der Meisterhand der Geschichteveredelt, ungeschlachte Halbmenschen, die durch ernste Lehren gesittetwerden sollten. In dieser eisernen Zeit, die den nächsten Morgenunsicher machte, fühlten die Führer des Judenthums den innernDrang, den Schatz in Sicherheit zu bringen, der ihren Händen an-vertrant war, um ihn nicht in Wechselfällen des Tages gefährdet zusehen. Es trat die Zeit des Sammelns ein, das, was die Vorfahrengesäet, gepflegt und geerntet, unter Dach und Fach zu bringen. DerTraditionsstoff, der durch die Reihe der Geschlechter, durch die Mannig-faltigkeit der Schulen so sehr angewachsen, bereichert und geklärt war,sollte von jetzt an geordnet werden. Diese Richtung des Sammelnsund Ordnens repräsentirt R. Aschi.

Rabbana Aschi (geb. 352, gest. 427), Sohn R. Simai's, anseinem alten Geschlechts stammend, zeigte früh eine so vollendete Geistes-reife, daß er im Jünglingsalter die lange verödete suranische Metibtawieder zu Ehren brachte. Er war, wenn auch nicht vierzehn Jahre,doch sicher nicht älter als zwanzig, als er Schnlhanpt derselben wurde.R. Aschi war von Hans ans reich und besaß viele Waldungen, vondenen er Holz zum Unterhalte des heiligen Feuers des Magiercnltnszu verkaufen kein Bedenken hatte"). Seine Jugend und Bildnngs-geschichte ist merkwürdigerweise ganz unbekannt; auch der Grund istnicht angegeben, der ihn bewogen hat, das fast eingegangene suranischeLehrhaus wieder zu erneuern; wahrscheinlich war Sura seine Vater-stadt. Er ließ das mehrere Jahrhunderte vorher von Rab erbauteLehrhaus, das schon Risse und Baufälligkeit zeigte, ganz abtragen undneu bauen; damit der Ban nicht vernachlässigt werde, stellte er seinBett auf den Bauplatz und brachte da Tag und Nacht so lange zu,bis die Wasserrinnen eingelegt waren ^). Das Lehrhaus ließ er hochanlegen, damit es die ganze Stadt überragen sollte. Mit Recht konnteer sich rühmen, dazu beigetragen zu haben, daß Sura nicht mehr inVerfall gerathcn werde Z; denn durch ihn behauptete sich diese Stadtund ihr Lehrhans mehrere Jahrhunderte. Seine ausgezeichnetenEigenschaften müssen seinen Zeitgenossen so sehr imponirt haben, daß

fl Uülraseb zu Psalm 36. -) Koclarim 62. b.

fl Laba Latra 3. b. fl Sabbat 11. a.