Druckschrift 
2. Geschichte der Israeliten vom Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) bis zum Tode des Juda Makkabi (160) 2 (1876) Vom babylonischen Exile (586) bis zum Tode des Juda Makkabi (160)
Entstehung
Seite
258
Einzelbild herunterladen
 

258

Geschichte der Juden.

vorausging, gedichtet. Es ist schon von griechischen Säften durch-zogen. Der sinnige Dichter hatte sich in der griechischen Weltumgesehen, sich an dem Zauber ihrer Sprache gelabt und ihrmanchen Kunstgriff abgesehen, besonders die Form, einen Hirtenund eine Hirtin auftreten zu lassen und ihnen Liebesgespräche inden Mund zu legen. Aber mit der'Harmlosigkeit dieser ätherischenPoesie hat der Dichter auf die Schäden der Zeit aufmerksam machenwollen. Im Gegensatz zur unsauberen, unkeuschen Liebe der griechi-schen Welt schuf er ein Jdealwesen, eine schöne Hirtin, Sulamit,die schöne Tochter Aminadab's, welche eine tiefe, innige, unver-löschliche Liebe zu einem Hirten, der unterLilien weidet", imHerzen trägt, aber dennoch und eben dadurch keusch und züchtigbleibt. Ihre Schönheit wird durch vortreffliche Eigenschaften erhöht;sie hat eine bezaubernde Singstimme, süße fesselnde Beredtsamkeit,und beim Tanzen entwickelt sie bei jeder Bewegung Anmuth undLieblichkeit. Sie liebt ihren Hirten mit der ganzen Glnth einesjugendlichen Herzens und ist sich der ganzen Kraft der Liebe so vollbewußt, daß sie Betrachtungen darüber anstellt:

Denn schmerzlich wie der Tod ist die Liebe,

Hart wie das Grab ist die Eifersucht.

Ihre Pfeile sind Feuerpfeile, eine Gottcsslammc,

Mächtige Fluchen können die Liebe nicht löschen,

Und Strönie sie nicht wegspülcn.

Gäbe Einer sein ganzes Vermögen um Liebe,

Verachten würde man ihn."

Und gerade diese glühende Liebe schützt sie vor jeder nnkeuschenHandlung, jedem unanständigen Worte, jedem unreinen Gedanken.Wie ihre Augen Taubenaugen gleichen, so ist ihr Herz voll Tauben-unschuld:

Sechzig Könige giebt es,

Und achtzig Kebsen,

Und Dirnen ohne Zahl,

Einzig ist meine Taube, meine Unschuld,

Einzig ist sie ihrer Mutter,

Lauter ist sie ihrer Gebärerin,

Jungfrauen sahen sie und lobten sie,

Königinnen und Kebsen priesen sie:

Wer ist's, die hcrnntcrblickt gleich der Morgcnröthc,

Schön wie der Mond, lauter wie die Sonne,Furchtgebietend wie Thürme""?