70 Geschichte der Juden.
Kanäle, welche das Land durchschnitten, den Einfall oder die Be-wegung feindlicher Heere.
Jndeß wußte Cyrns, als er den Krieg unternahm (540), dieseSchwierigkeiten zu beseitigen. Er hatte zahlreiche Armeen und keineEile und ließ von seinen Soldaten durch Theilung und Ableitungder Flüsse sie seicht und durchschreitbar machen. Ehe sich's dieBabylonier versahen, stand sein großes und kampflustiges Heerdiesseits des Tigris. Die babylonischen Truppen, welche Nabonadihm entgegenschickte, wurden von den Persern geschlagen, und dasganze Land stand dem Sieger offen. Noch setzte Nabonad seineHoffnung auf die festen Mauern, Thiirme und das Wasserwehrdes Euphrat seiner Hauptstadt, die sie in der That uneinnehmbarmachten. Gegen eine noch so langwierige Belagerung schützten siedie Mundvorräthe, welche Nabonad für zwanzig Jahre ausreichendhatte anhäufen lassen.
In dieser Zeit der Spannung, als die treuen Judäer zwischenHoffnung und Furcht schwebten, verkündete ein namenloser Prophetin einer kurzen, räthselhaften, aber bedeutungsvollen Rede denbaldigen Sturz Babels:
„Wie Stürme den Süden durchstreifen,
„So kommt cs aus der Wüste, aus dem schrecklichen Lande.
„Ein schweres Gesicht ist mir verkündet worden:
„Der Räuber wird beraubt, der Eroberer wird erobert.
„„Auf Elam! Medien belagere! Alle ihre Ruhe störe ich!
„Auf der Warte stehe ich stets am Tage,
„Und auf der Wache stehe ich alle Nächte,
„Da kam Reiterei, Ritter paarweise,
„Und sprach:
„„Gefallen, gefallen ist Babel,
„Und alle ihre Götzen hat er zur Erde gestürzt"!
„Mein Zerdoschens, Sohn meiner Tenne,
„Was ich von Jhwh Zebaoth, dem Gotte Israels, vernommen,
„Habe ich euch verkündet y".
Und so traf es auch ein.
Als Cyrns sich überzeugt hatte, daß die Belagerung Babelsvergeblich war, ließ er durch Ableitung des Euphratwassers ineinen gegrabenen See den Fluß, welcher die Stadt in zwei Hälften
y Jesaia 21, 1—10.