Die hebräische Poesie im Erile.
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Vorschein kam. Der Gegensatz, welcher überwunden werden sollte,verschärfte sich vor seinem Verschwinden noch schroffer. Auf dereinen Seite glühende Frömmigkeit, Feuereifer für die Bundeslehreund Schwärmerei für das idealgedachte Jerusalem, und auf deranderen Seite weltlicher Sinn, Genußsucht und Abgestorbenheitfür die alten Erinnerungen. Der Gegensatz war von zwei Parteienvertreten, die einander haßten^). Um so mehr dachten die Eifrigenund Begabten daran — und deren gab es einige inmitten derVerbannung — ihn auf geistigem Wege zu überwinden. Sie suchtenzuerst sich zu stärken und die zu ihrer Partei gehörenden Glieder inihrer Ueberzeugung zu befestigen; aber sie wollten auch durch ihrenEifer, Einfluß auf ihre andersgesinnten, ihnen feindlichen Stamm-gcnosfen üben. Durch diese Kraftanstrengung entstand ein neuerKranz schöner dichterischer Blüthen, welcher die alten fast nochübertraf. Die letzten zwei Jahrzehnte des Exils waren fast nochschöpferischer, als die -Zeit Chiskija's. Die Männer des Geistes,die Jünger Jeremia's und Ezechiel's, die sich in das unbekannteSchriftthum vertieft und ihr Inneres damit in Einklang gebrachthatten, erzeugten befruchtende Gedanken und umhüllten sie mit einerschönen Form. Die Quelle der Poesie sprudelte frisch in der Fremdeinmitten der Leiden des Exils, sie schien unerschöpflich. Diehebräische Sprache, welche von den Exulanten in der aramäischenUmgebung gehegt, vielleicht aus Vaterlandsliebe noch mehr gehegtwurde, diente noch immer als Organ für die dichterischen Erzeug-nisse. Es entstanden in den letzten Jahrzehnten des Exils nicht blosneue Psalmen und neue Weisheitssprüche, sondern auch eine ganzneue Art prophetischer Beredsamkeit und eine ganz neue Kunstform.
Ein Sänger dichtete einen Lehrpsalm in Form von Sprüchen,nur den Jrrthum derer zu zerstreuen, welche, von den äußeren Vor-gängen geblendet, im Wahn waren, daß das Glück gewissermaßenmit der Frevelthat eng gepaart und das Elend dagegen das Loosder Dulder sei. Neberhaupt suchten die Treuen und Eifrigen inverschiedenen Wendungen den Gedanken ausznprägen, daß derFrevler keinen Bestand habe, der Dulder dagegen durch die Rück-kehr in das Vaterland und das Einwurzeln in dasselbe des
Jesaia 66, 5.