Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabis bis zum Untergange des judäischen Staates 1 (1905)
Entstehung
Seite
283
Einzelbild herunterladen
 

Jes» Bildungsgrad.

283

es tönt sogar aus den entstellten Lehren heraus, welche seine Anhängerihm in den Mund legten. Jesu Sanftmut und Demut erinnern anHillel, den er sich überhaupt znm Muster genommen zu haben scheint,und dessen goldenen Spruch:Was du nicht willst, daß man dir

tue, tue auch anderen nicht" er zum Ausgangspunkt seiner Lehrenmachte i). Wie Hillel betrachtete Jesus die Friedfertigkeit und Ver-

Fortschritt in der neutestamentlichen Kritik machte die Tübinger Schule. An-geregt von F. C. Baur ging sie bei der Beleuchtung der Evangelien von demGegensätze aus, der das apostolische und nachapostolische Zeitalter in zweiLager spaltete, dem Gegensätze des Ebionitismus, der das judäische Gesetzmit einer essäischen Beimischung innerhalb des Christentums festgehalten wissenwollte, und des Paulinismus, der sich feindlich gegen das Gesetz verhieltund die Gottessohnschaft scharf betonte. Gründlich wiesen die Anhänger dieserSchule mit mehr oder weniger Konseguenz nach, daß die Evangelien durchwegvon diesem Gegensatz beherrscht seien und ihn überall reflektieren. Erst durchdiesen Hauptschlüssel ist die Kritik imstande zu prüfen, was in den Evangelienhistorisch ist und was einen tendenziösen, polemischen Charakter hat. Freilichschmilzt dadurch das glaubwürdig Historische in den Evangelien zu einem Mini-mum zusammen. Noch hat sich aber die kritische Schule nicht an die Aufgabegemacht, das Authentische im Leben Jesu von dem Mythischen und Tendenziösenauszuscheiden. Sie scheut die Desillusion. Auch von einer anderen Schwächekann sie sich nicht losmachen, daß nämlich ein einziges Evangelium (sei esMatthäus oder Markus) unmittelbar vor oder unmittelbar nach der Tempel-zerstörnng (7080) verfaßt worden sei. Die Argumente dafür beruhen aufsehr schwachen Füßen. Das Leben Jesu ist in dem ältesten Evangelium erstüber ein Jahrhundert nach seinem Heimgang (135138) schriftlichdargestellt worden und enthält neben wenigen Traditionen viele Mythen undtendenziöse Ausschmückungen. Im allgemeinen läßt sich an dem Kanon fest-halten, daß diejenigen Äußerungen Jesu, die einen gesetzesfeindlichenCharakter haben oder dem Christentum eine universelle Bedeutung auch fürdie Heiden beilegen, durchaus unecht sind, da dieser Gesichtspunkt erst vonPaulus aufgestellt und von den Hauptapostcln, namentlich von Jakobus undJohannes, scharf bekämpft wurde. Hingegen kann dasjenige in den Evangelien,was an den Ebionitismus, an Nomismus und an die Messianität für dasisraelitische Volk erinnert, Anspruch auf Authentizität machen. Über die essäischenElemente im Urchristentum weiter unten.

*) Die Nächstenliebe wird in den Evangelien und in den apostolischenBriefen mit einem Zusatze gelehrt, der beweist, daß diese Lehre nicht als eineursprünglich christliche aufgestellt wurde. Matthäus 22, 3740 heißt es: DieLiebe zu Gott und die Liebe zu dem Nächsten seien die Hauptgebote des Juden-tums:an diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und diePropheten." Das. 7, 12: Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute tunsollen, das tut ihr ihnen: das ist das Gesetz und die Propheten."Dieser Zusatz hat nur einen Sinn, wenn man ihn auf den Vorgang zurücksührt,in dem er zuerst aufgestellt wurde. Hillel hat nämlich einem Heiden, der dasganze Gesetz staute in peüs uuo lernen wollte, die Regel gegeben: Was dirverhaßt ist, tue auch deinem Nächsten nicht: no rm; das ist

das ganze Gesetz, alles Übrige ist Erklärung: nrnw-i -im, rnm.i mn n.