Druckschrift 
2. Geschichte der Israeliten vom Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) bis zum Tode des Juda Makkabi (160) 1 (1902) Vom Tode des Königs Salomo bis zum babylonischen Exile (586)
Entstehung
Seite
369
Einzelbild herunterladen
 

369

Die Flüchtlinge und das letzte Klagelied.

Wir sind erschöpft und haben keine Ruhe.

Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehrUnd wir müssen ihre Sünden erdulden.

Sklaven herrschen über uns,

Niemand befreit von ihrer Hand

Unsere Haut ist wie ein Ofen verbranntVon der Gluthhitze des Hungers.

Greise sind verscheucht von der Volksversammlung,

Jünglinge von der Gesangstätte.

Hin ist die Freude unseres Herzens,

In Trauer verwandelt unser Tanz.

Gefallen ist unseres Hauptes Krone,

Weh uns, daß wir gesündigt.

Deswegen ist unser Herz schmerzhaft,

Deswegen sind unsere Augen verdunkelt,

Wegen des Berges Zion, der verödet,

Schakale wandeln darauf.

Du, Gott, der du ewig bleibst,

Dein Thron für und für,

Warum willst du uns für immer vergessen,

Uns auf lange Tage verlassen^?"

Einen Augenblick schien es, als sollte dieses Elend der Zersprengten,dieser Bernichtungskampf gegen die Flüchtlinge ein Ende nehmen.Nebukadnezar wollte Judäa nicht ganz untergehen lassen; er brauchtees als ein Durchzugsland für einen Krieg mit Aegypten. Hätte eres ganz entvölkert, so hätten wilde Thiere es zum Tummelplatz ge-macht, und es wäre gefährlich gewesen, es zu durchziehen; den Jdu-mäern mochte er es wegen ihrer Beziehung zu Aegypten oder ausanderen Gründen nicht überlassen. Er beschloß daher, es als einwinziges Gemeinwesen fortbestehen zu lassen. Allerdings ein ein-heimischer König sollte nicht mehr an der Spitze desselben bleiben; ertraute den Königen aus dem davidischen Hause nicht, nachdem dreiderselben sich feindlich gegen ihn gekehrt hatten. Einen fremden Königüber sie zu setzen, verbot die Klugheit, weil ein solcher nicht im Standegewesen wäre, die gelockerten Bande wieder zusammenzuziehen. Erbeschloß daher, Ged alsa aus dem Hause Schaphan, welcher sich alszuverlässiger Parteigänger bewährt hatte, an die Spitze des kleinenGemeinwesens zu stellen. Dieser sollte die Ueberbleibsel um sich sammeln,sie Zusammenhalten und zum Betriebe des Acker- und Gartenbauesermuthigen, damit das Land nicht eine Wüstenei werde. Nebusaradan,welcher die Stadt Jerusalem zerstört hatte, erhielt darauf von Nedli-tz Klagelied 5; vergl. Monatsschr. das. S. 272.

Graetz, Geschichte der Juden. II. I. 24