118
Geschichte der Juden.
Den Gottesbegriff, als Urgrund der sittlich reinen That und dersittlich hohen Gesinnung, stellte er als gleichbedeutend mit Heiligkeitund Erhabenheit. Er bezeichnte Gott stets als den Heiligen Israelsals den hoch erhabenen, dessen Herrlichkeit die ganze Erde füllt Z.
Jesaia scheint aber auch noch ein anderes Mittel als die ent-flammende Rede zur Heilung der sittlich-religiösen Gebrechen Juda'sangewendet zu haben. Er nahm die von Samuel und Eliahu be-gonnene Thätigkeit, einen gleichgesinnten Kreis um sich zu sammeln,wieder auf, oder er zog Jünger heran, denen er von seinem Geistemittheilte. Sollte eine Persönlichkeit von diesem Ideal sittlicher Höhe,von dieser lauteren Frömmigkeit, hinreißenden Beredtsamkeit, von diesergefestigten Willenskraft, nicht eine mächtige Anziehungskraft ausgeübthaben? Wie das Böse zur Nachahmung reizt, so erweckt auch dasGute, sobald es sich in einer Persönlichkeit verkörpert, Nacheiferung.Unter den Opfern der gewissenlosen Ungerechtigkeit und Unterdrückungvon Seiten der Großen Juda's zog er, wie es scheint, die tief Em-pfindenden und Empfänglichen in seinen Kreis; sie waren zugleich seineJünger und seine Kinder 2).
Seine Zeitlage war günstiger für eine Heranbildung von Jüngern,als die früheren Zeiten. Sie war nicht mehr so zerfahren undentgeistigt, wie zur Zeit Samuel's und bot mehr belehrenden Stoff,als zur Zeit Elia's. Der Prophetenorden des Sehers von Ramamachte allerdings durch das Saitenspiel einen überwältigenden Eindruckauf die Zuhörer, erweckte aber keine klare Vorstellungen und Gedanken.Die Musik bildete in diesem Orden das Hauptelement, das Wort waruntergeordnet oder hatte poetische Bedeutung. Die Prophetenschuledes stürmischen Thisbiten in einer götzendienerischen Umgebung mußtesich zusammennehmen, um nicht dem Einflüsse ihrer Umgebung zu er-liegen, und hatte nur ein Ziel im Auge, das Umsichgreifen des Götzen-dienstes des Baal und der Astarte abzuwehren. Die JesaianischenJünger dagegen konnten im Schatten des dem „Heiligen Jsrael's"geweihten Tempels leben, waren solchen Versuchen nicht ausgesetzt undkonnten sich freier entfalten. Auch hatten Jesaia's „Kinder" nicht dieschwere Aufgabe, Gegenkönige zu salben und solchergestalt Antheil anBlutschuld auf sich zu nehmen. Jesaia lehrte sie nicht den heftigen,stürmischen Eifer, sondern die entgegensetzte Tugend der Sanftmut, derGeduld, der völligen Ergebung in Gott. Der Kreis, der sich um
') Nicht blas in der Theophanie 6,3, sondern auch sonst S, 24; 10, 20;12, 6; 29, 23; 30, II; 31, I hat Jesaia mehr als die übrigen Propheten dieBezeichnung bnav' va,?.
2 ) S. Note 5.