Der Prophet Hosea. 85
nung eintreten. Alle Creatur wird des göttlichen, prophetischen Geistesvoll sein.
„Ich werde meinen Geist über alle Creatur ausgießen,
„Eure Greise werden prophetische Träume haben,
„Eure Jünglinge werden Gesichte schauen.
„Und auch über Sklaven und Sklavinnen
„Werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgietzen.")
Der Wunsch, der Mose in den Mund gelegt wird: „Wer wollte,daß das ganze Volk Gottes Propheten wäre, daß Gott seinen Geistans es gäbe"), wird nach Joöl's Prophezeiung sich einst verwirklichen.Und nicht bloß die geborenen Israeliten, sondern auch die Fremden,welche als Sklaven und Sklavinnen in deren Familien lebten und amGottesreiche Antheil haben, werden des prophetischen Geistes und dersittlichen Lebensgemeinschaft gewürdigt werden. Der prophetische Blickschweifte bereits über die nationale Schranke hinüber. Joöl war dererste Prophet, welcher den Segen Abraham's für alle Völker derErde zum Bewußtsein brachte.
Der dritte Prophet aus der Zeit Jerobeam's und Usia's sprachnoch entschiedener gegen das Zehnstämmereich und für das Haus Jakob,Hosea, Sohn Beeri's. Auch aus seinem Leben und Wirken istnichts bekannt, nicht einmal, in welchem Reiche er gesprochen hat.Doch läßt es sich vermuthen, daß er in Bethel oder Samaria auf-getreten ist. Während Ainos lediglich die sittlichen Fehler zum Gegen-stand seiner Rüge und seines Spottes machte, eiferte Hosea gegen denreligiösen Abfall, als das Zehnstämmereich wieder dem Baal huldigte.Er besaß nicht die Fülle, noch das Ebenmaß und die feine Gliederungseiner beiden Zeitgenossen; seine Beredsamkeit nähert sich mehr derProsa. Sie hat mehr Ausführlichkeit und rednerischen Fluß, auchmehr Künstlichkeit; sie flicht sinnbildliche Namen ein, wie es Wohl inder Prophetenschule üblich war, aus welcher Hosea hervorgegangen zusein scheint. Ein Gleichniß führte er nach zwei Seiten hin durch.Die Einführung des Baalkultus im Zehnstämmereich stellte er alsTreulosigkeit einer Ehefrau gegen ihren Gatten dar, und die Rückkehrdes Volkes zu Jhwh, welche für die Zukunft in Aussicht gestellt wird,verglich er mit der reuigen Rückkehr einer beschämten Ehebrecherin zuihrem Jugendgeliebten. Dieser Auseinandersetzung schickte Hosea eine
*) Die Schilderung Joöl's von dem erwarteten, großen Tage, Kap. 3 — 4,verfolgt nicht eine chronologische Ordnung, wie die meisten prophetischen Impro-visationen nicht chronologisch gehalten sind. Das Zusammengehörige wird öftergetrennt, wenn ein anderer Gedanke sich hervordrängt. Vgl. über die Gliederungrer Zoöl'schen Prophetie, Programm des jüdisch-theol. Seminars, Jg. 1873.
Numeri II, 29.